Manche denken, dass es sich beim Niederländischen um eine kleine, unbedeutende Sprache oder gar einen Dialekt des Deutschen handelt. Klein ist die Sprache aber ganz und gar nicht, denn es gibt ca. 26 Millionen Sprecher weltweit und offiziellen Status hat Niederländisch in fünf Ländern: in den Niederlanden, Belgien, dem südamerikanischen Surinam und den karibischen Inseln Aruba, Curacao und Sint Maarten. Sprecher gibt es zudem in Deutschland, Frankreich, Nordamerika, sowie Brasilien und anden Teilen Südamerikas. Warum die Sprache so weit über den Globus verbreitet ist und wie und auf welche Art sie sich dabei verändert hat, wollen wir im Folgenden erläutern.

Die offizielle Bezeichnung der Sprache ist „Niederländisch“, umgangssprachlich wird sie aber oft auch „Holländisch“ genannt. Letzteres ist aber nicht korrekt, da es sich beim „Holländischen“ eigentlich nur um einen in der Region Holland, im Westen der Niederlande, gesprochenen Dialekt handelt. Auch wird sie teilweise als „Flämisch“ bezeichnet, was jedoch auch nur ein in den belgischen Provinzen Westflandern und Ostflandern gesprochener Dialekt ist. Als westgermanische Sprache ist die niederländische Sprache mit der englischen, der niederdeutschen und der deutschen Sprache verwandt. Dadurch ist sie für manch einen Sprecher der genannten Spraches, besonders im Schriftlichen, zumindest in Teilen verständlich. Interessant ist dabei, dass auf Ebene der gesprochenen Sprache Deutsch von einem Niederländer besser verstanden wird als umgekehrt. Eine Tatsache, dessen Grund sich vor allem in dem niederländischen Schulsystem findet, wo Deutsch als Fremdsprache in der Sekundarschule auf dem Programm steht. Umgekehrt ist Niederländisch im französischsprachigen Teil Belgiens, Wallonien, ein Wahlfach in der Sekundarschule und in Brüssel sogar Pflichtfach. In Deutschland wird wegen der räumlichen Nähe zu den Niederlanden besonders in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen Niederländisch als Fremdsprache angeboten, in den anderen Teilen Deutschlands finden sich nur vereinzelt Schule, die Niederländisch anbieten.

Das Niederländisch, das weltweit in den Schulen gelehrt wird, ist das Standardniederländisch, „Algemeen Nederlands“, das von der Niederländischen Sprachunion definiert wird. Bei dieser handelt es sich um eine internationale Regulierungsinstitution, die vor allem die Rechtschreibung und Grammatik des Niederländischen im Groene boekje (Grünes Heft) festhält. Letzteres fungiert als offizielle Referenz der niederländischen Orthographie und Grammatik, weshalb es oft in Schulen Verwendung findet. Gegründet wurde die Nederlandse Taalunie 1980 von den Niederlanden und der flämischen Gemeinschaft in Belgien, seit 2004 ist aber auch das südamerikanische Land Surinam offizielles Mitglied.

Auch wenn es ein Standardniederländisch gibt, kommt es durch die verschiedenen historischen und sozialkulturellen Einflüsse der Länder, in denen Niederländisch gesprochen wird, zu unterschiedlichen Sprachvarianten:

Königreich der Niederlande

In den vier dem Königreich der Niederlande zugehörigen Ländern Niederlande (inklusive der drei karibischen Inseln Bonaire, Sint Eustatius und Saba), Aruba, Curaçao und Sint Maarten ist Niederländisch offizielle Amtssprache.

Etwa 17 Millionen Menschen sprechen Niederländisch in den Niederlanden als Erst- oder Zweitsprache. In der Provinz Friesland ist neben Niederländisch auch Friesisch Amtssprache, die von ca. 75% der Bevölkerung der Provinz als Erst- oder Zweitsprache gesprochen wird.

In den Niederlanden hat man jedoch neben Niederländisch auch sehr gute Chancen die Menschen mit Englisch zu erreichen. Gemäß der internationalen Studie des English Proficiency Index zur Ermittlung der Englischkenntnisse als Fremdsprache aus dem Jahr 2021 liegen die Niederlande auf Platz 1 im Vergleich zu 112 anderen Ländern/Regionen. Das liegt vor allem daran, dass zum Ziele der weltweiten Wettbewerbsfähigkeit und der Gewährleistung des Zugangs zum globalen Markt, die Niederländer das Englischlernen zur Priorität gemacht haben. So werden viele Fernsehserien oder Filme aus dem Ausland nicht synchronisiert, was folglich bedeutet, dass Kinder von Klein auf mit dem Englischen in Kontakt sind. Einen großen Einfluss spielt neben einer effizienten Sprachpolitik natürlich auch die Gemeinsamkeit mit dem Englischen, was es vielen Niederländern erleichtert, Englisch zu lernen. Gefördert wird der Gebrauch des Englischen in den Niederlanden besonders in der Wirtschaft, wo Englisch als Muss betrachtet wird. Dieser zunehmende Einfluss des Englischen hat dazu geführt, dass sich eine Gegenwelle gebildet hat, die einen Rückdrang des Niederländischen als Wissenschafts- und Unterrichtssprache fürchte. In den 90ern wurde deshalb versucht, Niederländisch als Amtssprache der Niederlande im Grungesetz zu fixieren – jedoch ohne Erfolg.

Durch die Kolonisierung der Antillen durch die niederländische Handelskompanie West-Indische Compagnie Anfang des 17. Jahrhunderts hat sich Niederländisch über den Globus hinweg bis nach Südamerika auf die karibischen Inseln Aruba, Bonaire, Curaçao, Saba, St. Maarten und St. Eustatius, auch „niederländische Karibik“ genannt, verbreitet. Aruba, St. Maarten und Curaçao gehören noch heute zum Königreich der Niederlande, sind aber selbstständige Länder mit eigener Verfassung, Währung und Regierung. Die Inseln Bonaire, St. Eustatius und Saba sind ‚besondere Gemeinden‘ der Niederlande. Die offizielle Sprache auf all diesen Inseln ist das Niederländische, auch wenn auf Aruba und Curaçao der Gebrauch der Kreolsprache Papiamentu dominiert, und auf den anderen Inseln das Englische. Den offiziellen Status hat das Niederländische mehr auf dem Papier, in der Praxis wird diese Sprache nämlich fast nur als schriftliche Verwaltungssprache verwendet, während im Mündlichen Papiamentu, oder auch Englisch, dominiert. In den Medien und der Grundschulausbildung ist Niederländisch nicht mehr so präsent wie es einst war, und erst in den weiterführenden Schulen nimmt der Gebrauch an Bedeutung zu.

Niederländische Kolonien

Doch die Expansion der Niederlande als Handels- und Kolonialmacht durch die Vereinigte Ostindische Compagnie und später die Westindische Compagnie beschränkte sich nicht nur auf die karibischen Inseln. Im Osten in Indien, Südafrika und Japan und im Westen an der Karibik, Süd- und Nordamerika und an der Küste Westafrikas wurden Handelsniederlassungen eingerichtet. Unter anderem auch im heutigen New York (früher Nieuw Amsterdam) wurden im 17. Jahrhundert Handelsposten eingerichtet, sodass sich auch heute noch Straßen- und Viertelnamen auf niederländischen Ursprung zurückführen lassen können: Wallstreet hieß mal „Walstraat“, Brooklyn kommt von „Breukelen“ und Harlem von „Nieuw-Haarlem“. In direkter Konkurrenz mit den benachbarten englischen Siedlungen konnte Neu Amsterdam sich jedoch nicht halten und die Landwirtschaft und der Handel mit Lederwaren in Nordamerika war nicht so lukrativ wie Sklavenhandel und Zuckerplantagen in der Karibik. So wurde Neu Amsterdam schließlich, im Tausch gegen Surinam, an die Engländer übergeben.

Surinam

In der südamerikanischen Republik Surinam ist Niederländisch offizielle Sprache, die von ungefähr 400.000 Einwohnern als Erstsprache und von ca. 100.000 Einwohnern als Zweitsprache gesprochen wird. Auch nach der Unabhängigkeit Surinams im Jahre 1975 ist Niederländisch die offizielle Sprache Surinams geblieben. Obwohl es die Sprache der Kolonialherren und der weißen Elite war, und es den Sklaven damals sogar verboten war, Niederländisch zu sprechen, hat sich das Niederländische als Amts- und Verkehrssprache etabliert. Dies ist vor allem auf die Heterogenität des Landes zurückzuführen. Seine Bevölkerung verteilt sich auf mehr als 20 ethnische Gruppen mit jeweils eigenen Sprachen, weshalb eine „gemeinsame“ Amtssprache von Vorteil ist. Offizielle Sprache im Bildungswesen, Behörden, Printmedien und Tourismus ist Niederländisch, in der Umgangssprache spricht die Bevölkerung Surinams neben Niederländisch jedoch hauptsächlich Kreolsprachen, z.B. Sranan Tongo, Javanisch oder Sarnami.

Das Niederländisch, das in Surinam gesprochen ist, ist eine eigene Variante des Niederländischen und seit der Aufnahme im Nederlandse Taalunie auch offiziell als diese bestätigt. Großen Einfluss auf das surinamische Niederländisch in Wortschatz, Aussprache und Grammatik hatten die anderen in Surinam dominanten Sprachen, insbesondere Sranan Tongo, aber auch Englisch oder Hindi. Englische Einflüsse sieht man z.B. in dem Wort „slijsen“, orientiert an „to slice“ (schneiden) oder an „zoetolie“ (Salatöl), also im Englischen „sweet oil“. Die Verwendung von Wörtern wie „alesi“ (Reis), „nagri“ (Nelken) oder „pesi“ (Bohnen/Erbsen) sind auf das Sranan zurückzuführen. Die Aussprache der Wörter orientiert sich stark an dem Standardniederländischen, es gibt jedoch einige Abweichungen, zum Beispiel in dem Rollen des <r>.

Südafrika

Auch in Südafrika, an der westafrikanischen Goldküste, haben sich die niederländischen Kolonisierer Handelsposten angeeignet. Heutzutage ist Niederländisch in keinem afrikanischen Land offizielle Sprache, jedoch gibt es Theorien darüber, dass das heutige Afrikaans, eine der offiziellen Sprachen Südafrikas, in der Entstehung stark vom Niederländischen geprägt wurde und wird daher auch als Tochtersprache des Niederländischen angesehen. So ist das moderne Afrikaans für einen niederländischen Sprecher einigermaßen zu verstehen und leicht zu lesen. Auch ein Sprecher des Afrikaans versteht gesprochenes oder geschriebenes Niederländisch. Im Vergleich zum Niederländischen ist Afrikaans in der Grammatik jedoch stark vereinfacht, so gibt es z.B. keine Personalendungen und nur einen Artikel.

Belgien

Der zweitgrößte Teil der niederländischsprachigen Bevölkerung befindet sich in Belgien, wo offiziell drei Sprachen innerhalb von vier Sprachgebieten, das deutsche im Osten, das französische im Süden, das niederländische im Norden und die zweisprachige Region Brüssel Hauptstadt, gesprochen werden. Insgesamt sprechen ca. 60% der Bevölkerung Niederländisch, 40% Französisch und weniger als 2% Deutsch.

Als Folge des flämisch-wallonischen Konfliktes wurde in der belgischen Sprachgesetzgebung die Verwendung der offiziellen Landessprachen Niederländisch, Französisch und Deutsch geregelt. Das Ziel dieser Gesetzgebung war die Gleichberechtigung der niederländischen und der französischen Sprache. Bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Französisch nämlich als dominierende Sprache gegenüber dem Niederländischen angesehen, obwohl allein von den Zahlen her die niederländischsprachige Bevölkerung in der Überzahl war. Mit der Zeit hat sich dies gewandelt und nun ist die Verwendung beider Sprachen so gleichberechtigt, dass man Schwierigkeiten hat, besonders im öffentlichen Dienst und großen Unternehmen, eine Arbeitsstelle zu finden, wenn man nicht beide Sprachen spricht.

Niederländisch in Belgien und den Niederlanden

Vergleicht man die beiden Varianten des Niederländischen in den Niederlanden und Belgien, fallen einem einige Unterschiede auf. Diese offenbaren sich weniger auf der schriftlichen als auf der mündlichen Ebene, da die Rechtschreibung und Grammatik durch die Niederländische Sprachunion offiziell geregelt und festgelegt ist. Im Gesprochenen kommt es jedoch zu einigen auffallenden Unterschieden, sodass es zu manch einer Schwierigkeit kommen kann, wenn ein Flame aus Belgien und ein Niederländer aus den Niederlanden sich miteinander unterhalten.

Dies fängt bereits bei der Aussprache selbst an, denn so wird den Belgiern generell eine bedachtere Aussprache der Wörter nachgesagt, die sich stark daran orientiert, wie die Wörter geschrieben werden. Auch hat das Belgische Niederländische eine andere Satzmelodie als das in den Niederlanden. Bezogen auf die Aussprache einzelner Buchstaben wird häufig die unterschiedliche Artikulierung des <g> Lautes genannt: in Belgien, und auch im Süden der Niederlande, wird dieses weich, also stimmhaft, ausgesprochen, im Norden hingegen hart, also kratziger. Auch die Kombination der Buchstaben „ci“ oder „ti“ innerhalb eines Wortes, z.B. in „officieel“ wird unterschieden: In Belgien sagt man „offisieel“, in den Niederlanden, besonders im Norden „offisjeel“.

Offensichtliche Differenzen sind im lexikalischen Bereich der Sprache angesiedelt. Die Tatsache, dass es sich um zwei verschiedene Staaten mit eigener Geschichte, Einflüssen und Strukturen handelt, hat dazu geführt, dass es einen unterschiedlichen Wortschatz gibt. In Belgien heißt das Kindergeld zum Beispiel „kindergeld“, in den Niederlanden hingegen „kinderbijslag“. Im belgischen Niederländisch werden zudem häufig Lehnwörter verwendet, besonders aus dem Französischen, aber auch aus dem Englischen, die in den Niederlanden unbekannt sind: „solden“ („ausverkauft“) heißt „uitverkoop“ in den Niederlanden. Oder „camion“ in Belgien („LKW“) heißt „vrachtwagen“ in den Niederlanden. Auch gibt es einige Wörter, die in Belgien umgangsprachlich sind, während sie in den Niederlanden als sehr formell aufgefasst werden: „wenen“ („weinen“) vs. „huilen“ oder „plezant“ und „leuk“ („mögen“). Auch auf grammatikalischer Ebene kommt es im Gesprochenen zu kleineren Unterschieden. Teilweise ist die Pluralbildung einiger Substantive anders (Belgien „testen“ („die Tests“) vs. „tests“ in den Niederlanden) und auch die Satzstellung kann variieren.

Fazit

Auch wenn die niederländische Sprache im Vergleich zu den großen Weltsprachen manchmal klein scheint, sollte sie auf keinen Fall unterschätzt werden, da man viele Sprecher auf vielen verschiedenen Kontinenten damit erreichen kann. Da die Rechtschreibung und Orthografie offiziell von der Nederlandse Taalunie reguliert wird, die in den Ländern mit den meisten Sprechern (Niederlande, Belgien und Surinam) durchgesetzt wird, ist es durchaus möglich, die Standardvariante dieses Niederländischs weltweit im Geschriebenen zu verwenden. Ausnahme bildet hier der Wortschatz, der sich geringfügig je nach Land unterscheiden kann, und der auch punktuell im Text angepasst werden sollte – allein um Missverständnissen entgegenzuwirken. Im Gesprochenen sollte man sich jedoch mit den Eigenheiten in der Aussprache beschäftigen, um zu gewährleisten, dass die Zielgruppe sich auch tatsächlich angesprochen fühlt.

Ein E-Commerce-Händler, der vor der Auswahl seiner Shop-Sprache steht, sollte bei seiner Wahl für Belgien wegen der konfliktaufgeladenen Geschichte besonders darauf achten, eine niederländisch und eine französische Übersetzung anzubieten. In den Niederlanden selbst kann man viele Menschen, besonders die jüngere Generation, auch sehr gut mit Englisch erreichen – Niederländisch sollte aus Respekt vor der kulturellen Identität des Landes jedoch ein Muss sein.



Quellen

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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