Für Inderinnen und Inder in kleineren, peripheren Städten, wo der Zugang zu Marken eingeschränkt ist, ist die Möglichkeit, über das Internet auf einen größeren Warenkorb zugreifen zu können, ein wichtiger Anreiz, online einzukaufen. Von Kleidung über Autos bis hin zu Gesundheitsprodukten: Alles wird digital angeboten – und auch gekauft. Das Potenzial des indischen E-Commerce ist also enorm. Entsprechend hart ist aber auch der Wettbewerb. Was den E-Commerce in Indien auszeichnet, inklusive Chancen und Hindernisse, lesen Sie hier.

Zahlen und Fakten, Wirtschaft, Export- und Importpartner, Währung, Uhrzeit

Vom Himalaya im Norden bis zur Ozeanküste im Süden erstreckt sich Indien über eine Fläche von mehr als 3,2 Mio. km². Damit umfasst das Land den größten Teil des indischen Subkontinents. Die parlamentarische Bundesrepublik in Südasien besteht aus 28 Bundesstaaten und 8 bundesunmittelbaren Gebieten und beheimatet mehr als 1,3 Mrd. Menschen unterschiedlicher Ethnien, Religionen und Muttersprachen. Wirtschaftlich gilt der Bevölkerungsriese Indien als Schwellenland und gehört zu den O5- und BRICS-Staaten sowie zur Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20).

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 3.400 Mrd. US-Dollar im Jahr 2022 ist Indien nach den USA, China, Japan und Deutschland die nominal fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt und die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der G20. Aufgrund seiner enormen Bevölkerungszahl ist Indien aber auch eines der ärmsten Länder der Welt: Kaufkraftbereinigt liegt das BIP pro Kopf bei rund 8.400 US-Dollar (vgl. deutsches BIP pro Kopf: 64.080 US-Dollar). Gemessen am HDI, dem Wohlstandindikator der Vereinigten Nationen, ist Indien mit einem Wert von 0,633 das 132. Land der Welt nach menschlicher Entwicklung (vgl. Deutschland: 0,942; Österreich: 0,916).

Die indische Wirtschaft stützt sich vor allem auf den Dienstleistungssektor und das verarbeitende Gewerbe. Eine geringere, aber im Vergleich zu anderen Industrieländern immer noch große Bedeutung für die Volkswirtschaft hat die Landwirtschaft.

Wichtigster Handelspartner Indiens sind die Vereinigten Arabischen Emirate (Exporte: 6,92 %; Importe: 7,35 %). Weitere wichtige Handelspartner sind die USA (E: 17,72 %; I: 7,07 %) und China (E: 3,33 %; I: 13,96 %). Weitere wichtige Exportländer sind die Niederlande (E: 4,09 %), Großbritannien (E: 2,48 %). Deutschland (E: 2,31%) ist ebenfalls ein wichtiges Exportland. Wichtige Importländer sind Russland (I: 5,55 %), Indonesien (I: 3,91 %), Südkorea (E: 2,83 %) und Australien (E: 2,68 %).

Die indische Rupie (INR) ist in 100 Paise unterteilt. Die indische Währung wird auch außerhalb Indiens als Zahlungsmittel akzeptiert, unter anderem in Bhutan, Nepal und Simbabwe. Der aktuelle Umrechnungskurs beträgt 89,92 indische Rupien für einen Euro (Stand: 06.05.2024).

Wer aus Deutschland nach Indien einreist, muss die Uhr um 3,5 Stunden vorstellen. Anders als in Deutschland gibt es in Indien keine Sommerzeit.

Internetnutzung, Kaufverhalten, Branchen, Zahlungsarten

Indien ist ein sehr technologieorientiertes Land. Die indischen Städte Bengaluru, Chennai und Hyderabad gehören zu den am schnellsten wachsenden High-Tech-Standorten weltweit. Die meisten der weltweit größten IT- und Softwareunternehmen sind inzwischen in Indien angesiedelt.

Indien hat mit Mumbai (18,4 Mio.), Delhi (16,3 Mio.) und Kolkata (14 Mio.) drei der bevölkerungsreichsten und kosmopolitischsten Städte der Welt. Dennoch bleibt Indien ein Land mit überwiegend ländlicher Bevölkerung. Vor allem im Hinblick auf die Verbreitung des Internets gibt es große Unterschiede zwischen den großen Städten und den ländlichen Gebieten des Landes. Hier kann sich der E-Commerce nur langsam durchsetzen. Die Kluft zwischen Stadt und Land wird jedoch durch die junge, digital affine Bevölkerung und die dynamische Wirtschaft Indiens ausgeglichen.

Die Zahl der aktiven Internetnutzerinnen und -nutzer steigt von Jahr zu Jahr: Besaßen 2014 nur 5,4 von 100 Indern ein Smartphone, waren es 2018 bereits 26,2. Mittlerweile besitzt jeder dritte Inder ein Smartphone. Dennoch ist Indien noch kein Mobile-First-Markt: Für 56 Prozent der Online-Shopperinnen und -Shopper in Indien ist der PC nach wie vor das bevorzugte Medium für den Online-Einkauf. Nur 29 Prozent kaufen am liebsten mit dem Smartphone ein. Ein weiterer Trend bei der Internetnutzung in Indien betrifft die Geschlechterverteilung: In Indien surfen vor allem Männer. Der Frauenanteil an der Gesamtzahl der Internetnutzerinnen und -nutzer beträgt nur etwa 33 Prozent.

Kleidung steht an erster Stelle der Produktkategorien, die in Indien am häufigsten über das Internet verkauft werden. Es folgen Elektronik, Einrichtungsgegenstände und Unterhaltung. Der indische E-Commerce zieht zunehmend Kundinnen und Kunden aus kleineren, peripheren Städten an, wo die Menschen wenig Markenzugang, aber hohe Ansprüche haben. Vor allem günstigere Preise sind für die meisten indischen Verbraucherinnen und Verbraucher ein Anreiz für den Online-Einkauf, ebenso wie die Möglichkeit, über das Internet auf einen größeren Warenkorb zugreifen zu können. Besserverdienende Inderinnen und Inder interessieren sich für internationale Marken und Qualitätsprodukte.

Noch 2016 wurden in Indien 45 Prozent der Online-Käufe per Nachnahme bezahlt. Mit der Förderung von Kreditkarten als Zahlungsmittel hat die indische Regierung im November 2016 versucht, diesem Trend entgegenzuwirken. Die Abkehr vom Bargeld zeigt sich in der Zunahme von Kreditkartenzahlungen und mobilen Wallets. Eine weitere bargeldlose Zahlungsoption, die sich im indischen E-Commerce zunehmender Beliebtheit erfreut, ist das von der National Payments Corporation of India (NPCI) entwickelte Aadhaar Enabled Payment System (AePS). Mit AePS können Geldtransaktionen unter Angabe einer Aadhaar-Nummer getätigt und die digitale Zahlung nach einer biometrischen Verifizierung freigegeben werden.

Sprache

Der indische Subkontinent ist Lebensraum einer Vielzahl von Ethnien und Sprachen. Es gibt keine Nationalsprache. Die meisten Menschen haben eine indoarische Sprache als Muttersprache. Dazu gehören zum Beispiel die Sprachen Hindi, Bengali und Urdu. Zusammen stellen die Sprecherinnen und Sprecher dieser drei Sprachen etwa 80 Prozent der Bevölkerung. Hindi ist mit ca. 40 Prozent die am häufigsten gesprochene Muttersprache.

Fast ein Jahrhundert lang war Indien Teil des britischen Kolonialreichs. Auch nach der Unabhängigkeit 1947 blieb Indien im Commonwealth. So ist das in der Kolonialzeit eingeführte Englisch neben Hindi nach wie vor Amtssprache in Indien. Für den internationalen Handel ist dies ein großer Vorteil. Denn: Englisch spielt als gemeinsame Verkehrssprache auf dem indischen Subkontinent eine wichtige Rolle und ermöglicht die Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher Muttersprachen.

Wissenswertes zu Zollsatz, Handelsabkommen, Restriktionen

Die Einfuhr von Waren nach Indien kann teuer werden. Die Einfuhrzölle für Industriegüter liegen zwischen 7,5 und 20 Prozent. Für Autos und Motorräder werden sogar noch höhere Zölle erhoben. Zusätzlich wird eine Sozialabgabe in Höhe von 10 Prozent des Zollbetrags erhoben.

Gewerbliche Waren unterliegen einer Mehrwertsteuer von 18 Prozent. Doch auch hier gibt es Ausnahmen. So gilt für Autoersatzteile ein erhöhter Steuersatz von 28 Prozent. Landwirtschaftliche Produkte unterliegen dagegen einem ermäßigten Steuersatz von 5 Prozent.

Die Europäische Union und Indien haben Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen eingeleitet. Angestrebt werden unter anderem Investitionsschutz und ein Abkommen über geografische Herkunftsbezeichnungen. Mehr zu den Beziehungen zwischen EU und Indien lesen Sie auf der Website des Europäischen Parlaments.

Nicht alle Waren dürfen nach Indien importiert werden. Das Directorate General of Foreign Trade (DGFT) untersteht dem indischen Handels- und Industrieministerium und ist verantwortlich für die Erstellung und Aktualisierung der Liste der genehmigungspflichtigen Waren. Zollbeschränkungen und nichttarifäre Handelshemmnisse bestehen vor allem für landwirtschaftliche Produkte wie Pflanzen, Früchte und Saatgut, die den indischen Lebensmittelsicherheitsstandards entsprechen müssen. Auch Alkohol und bestimmte Pharmazeutika werden mit überdurchschnittlich hohen Zöllen belegt.

Fazit

Der indische E-Commerce wächst rasant, sowohl im B2B- als auch im B2C-Bereich. Besserverdienende Inderinnen und Inder interessieren sich für internationale Marken und Qualitätsprodukte. Für Menschen in kleineren, peripheren Städten, wo der Zugang zu Marken eingeschränkt ist, sind vor allem die günstigeren Preise ein Anreiz, online einzukaufen sowie die Möglichkeit, über das Internet auf einen größeren Warenkorb zuzugreifen. Autos, Kleidung, Schmuck, Kosmetik, Gesundheitsprodukte, digitale Unterhaltung und Bildungsangebote machen den größten Teil des internationalen Konsums in Indien aus. Der indische E-Commerce hat also ein enormes Potenzial. Entsprechend hart ist der Wettbewerb. Internationale Marktplatzbetreiber wie Amazon, eBay, Alibaba und andere konkurrieren mit lokalen Marktplatzbetreibern wie Flipkart, Snapdeal und TataCliq. Für Interessenten aus Deutschland und der EU sind technologiegestützte Innovationen wie digitaler Zahlungsverkehr, hyperlokale Logistik, analytikgestützte Kundenbindung und digitale Werbung allesamt Befürworter des indischen E-Commerce. Hohe Versandkosten, teure Einfuhrzölle und nicht immer unkomplizierte Rückgabe- und Umtauschverfahren sind dagegen die größten Hürden.

Quellen

Weiterführende Links

 


autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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