Kleines Land, großes Potenzial: Das dreisprachige Belgien erlebt spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie einen regelrechten E-Commerce-Boom.  Nach den Niederlanden und Luxemburg stellen wir in dieser Folge unserer Reihe auch das dritte Beneluxland, das Königreich Belgien vor.

Zahlen und Fakten

Das deutsche Nachbarland Belgien ist hierzulande vor allem für seine kulinarischen Errungenschaften bekannt: Liebhaber von Bier, Schokolade, Waffeln und vor allem den dicken belgischen Pommes kommen dort auf ihre Kosten. Aber auch die vielen mittelalterlichen Altstädte, die Natur in den Ardennen und nicht zuletzt die Hauptstadt Brüssel, die neben der belgischen Regierung auch die Institutionen der Europäischen Union beherbergt, machen das Land zu einem beliebten Reiseziel.

Mit seinen 11,65 Millionen Einwohnern und einer Fläche von knapp 31.000 Quadratkilometern ist Belgien nach den Niederlanden das zweitgrößte der drei Benelux-Länder und etwas kleiner als das angrenzende deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen. Auch geografisch liegt Belgien in der Mitte zwischen den Niederlanden im Norden und Luxemburg im Südosten. Zudem grenzt das Land im Osten an Deutschland und im Westen und Süden an Frankreich.

Politisch ist Belgien eine konstitutionelle Monarchie. 2015 übernahm König Phillipe das Amt des Staatsoberhaupts von seinem Vater Albert II. Dem Königshaus kommen heutzutage aber nur noch zeremonielle und repräsentative Aufgaben zu – eigentlicher Regierungschef ist der gewählte Premierminister des Landes. Belgien ist Gründungsmitglied und Wegbereiter der Europäischen Union und war 1999 eines der ersten Länder, die den Euro als offizielle Währung einführten.

Besondere politische Bedeutung im dreisprachigen Belgien haben die drei Regionen Brüssel, Flandern und Wallonien sowie die drei Sprach-Gemeinschaften (die flämische, die französische und die deutschsprachige Gemeinschaft). Abgesehen von Flandern, wo Region und flämischsprachige Gemeinschaft administrativ fusioniert sind, verfügen die übrigen fünf Regionen und Gemeinschaften über je eine separate Regierung sowie ein eigenes Parlament. Anders als im deutschen Föderalismus hat jede diese subnationalen Regierungen feste Zuständigkeiten, die sie sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene ausübt. Für den politischen Alltag bedeutet dieses komplexe System einige Schwierigkeiten: So dauerte es nach den Parlamentswahlen im Mai 2019 ganze 494 Tage, bis die neue belgische Regierung ihr Amt antreten konnte.

Trends und Einblicke

Der belgische E-Commerce-Markt wächst schnell – und das ist kein Wunder: Schließlich sind mehr als 93 Prozent der Belgier regelmäßig online. Laut einer Untersuchung des lokalen Branchenverbands BeCommerce tätigten die Einwohner Belgiens im Jahr 2021 bereits ein Viertel aller Ausgaben im Internet – im dritten Jahresquartal entsprach das einem Gesamtwert von 3,24 Milliarden Euro und einem Plus von 46 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Besonders beliebt waren 2021 demnach Reisen und Flugtickets, aber auch Produkte aus den Bereichen Schuhe und Kleidung. Obwohl 70 Prozent der Online-Käufe in Belgien noch immer über PC und Laptop getätigt werden, wird auch das Smartphone für den belgischen E-Commerce immer wichtiger: 38 Prozent der befragten Kunden gaben in der Umfrage an, in den vergangenen drei Monaten mindestens einmal etwas per Handy erworben zu haben.

Ist die Kaufentscheidung erst einmal gefallen, bezahlt mehr als die Hälfte der Kunden am liebsten per „Bancontact“. Dieses lokale Zahlungssystem ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit nahezu aller belgischer Banken – die Nutzer können dadurch bequem über ihre gewohnte Bankumgebung bezahlen, einzige Voraussetzung ist ein Konto mit belgischer IBAN. Für ausländische Anbieter lohnt es sich in jedem Fall, diese beliebte einheimische Zahlungsmethode anzubieten. Schließlich werden im Vergleich nur etwa ein Viertel aller belgischen Onlinezahlungen per Kreditkarte und etwa ein Zehntel per PayPal getätigt.

Bisher dominieren den belgischen E-Commerce-Markt vor allem Anbieter aus den Niederlanden, allen voran der niederländische Versandhändler Coolblue und der Internetbuchhändler bol.com. Da beispielsweise der amerikanische Online-Gigant Amazon bisher keine spezifische belgische Webseite anbietet, bestellen viele Belgier allgemein gerne Waren aus den Nachbarländern Deutschland, Frankreich und den Niederländern – die jeweils teilweise gleiche Sprache, die geringe Entfernung und die daraus resultierenden günstigen Versandoptionen machen es möglich. Insbesondere für Händler, die bereits in einem oder mehreren dieser Märkte aktiv sind, ist eine Expansion nach Belgien also attraktiv.

Sprache

In welchem Nachbarland ein belgischer Kunde am liebsten einkauft, ist vor allem von der jeweiligen Muttersprache abhängig. Denn obwohl das Land vergleichsweise klein ist, gibt es in Belgien gleich drei offizielle Sprachen: Flämisch, Französisch und Deutsch.

Etwa 60 Prozent aller Belgier sind Niederländisch-Muttersprachler. Der einheimische Dialekt („Flämisch“) ist dabei keine eigene Sprache, sondern verhält sich zur niederländischen Standardsprache etwa wie die in Österreich verbreiteten Deutsch-Varianten zum Hochdeutschen. Flämisch wird hauptsächlich in der Region Flandern im nördlichen Teil des Königreiches gesprochen. In dieser Region liegen viele bekannte Städte, wie etwa Antwerpen, Leuven, Gent und Brügge.

Südlich von Flandern liegt die französischsprachige Region Wallonien mit ihrer Hauptstadt Namur. Etwa 40 Prozent aller Belgier sprechen von Haus aus Französisch – auch und gerade in der Metropolregion Brüssel, die offiziell als zweisprachig gilt. Mit etwa 74.000 Muttersprachlern im Osten des Landes spielt die deutschsprachige Minderheit eine eher untergeordnete Rolle. Offizielle Texte, Formulare und Webseiten müssen jedoch jeweils in allen drei Sprachen zur Verfügung stehen.

Die Sprachfrage ist in Belgien ein stetes Politikum, sprechen doch nicht wenige Flamen und Wallonen bewusst die jeweils andere Sprache nicht und beharren auf diesem Weg auf ihrer regionalen Identität. So ist es beispielsweise im französischsprachigen Teil nicht mehr üblich, das Flämische als zusätzliche Fremdsprache in der Schule zu belegen. Wer tatsächlich alle Belgier ansprechen möchte, sollte sein Angebot also zumindest sowohl auf Französisch als auch auf Niederländisch zur Verfügung stellen.

Übrigens: Heutzutage beherrschen fast alle Belgier Englisch, können also bei Bedarf auch mit dieser Sprache erreicht werden. Für den E-Commerce ist das natürlich nur eine Notlösung.

Fazit

Belgien bietet für den E-Commerce viele Vorteile: Brüssel als europäische Hauptstadt hat in den vergangenen Jahrzehnten viele innovative Unternehmen und internationale Organisationen in das kleine Königreich gelockt. Die Bevölkerung ist online-affin, die Infrastruktur gut ausgebaut und die Wege ins europäische Ausland sind kurz. Ein wichtiges Augenmerk bei der Expansion nach Belgien sollte der Sprachenfrage gelten: Ein mehrsprachiges Angebot ist hier ein absolutes Muss – da die drei Landessprachen jedoch auch in großen Nachbarländern gesprochen werden und viele Belgier es ohnehin gewohnt sind, ihre Waren im Ausland zu bestellen, lässt sich der belgische Markt im Idealfall ohne große Zusatzkosten mitabdecken.



Quellen

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

Wir erklären, wie Internationalisierung funktioniert, geben Tipps zu Übersetzungsprojekten und erläutern Technologien und Prozesse. Außerdem berichten wir über aktuelle E-Commerce-Entwicklungen und befassen uns mit Themen rund um Sprache.

 

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