Brasilien ist das zweite Land Lateinamerikas, das wir in unserer Reihe „E-Commerce in …“ genauer unter die Lupe nehmen. Dass sich Brasilien zu einem wirtschaftlichen Giganten aufgeschwungen hat, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Das spiegelt sich auch im digitalen Geschäft wieder: Der E-Commerce in Brasilien ist der größte Lateinamerikas und steht weltweit auf Rang 10. Welche Chancen, aber auch welche Tücken das Land für Unternehmen aufweisen kann, zeigen wir hier.

Zahlen & Fakten

Brasilien ist mit knapp 212 Millionen Menschen das fünftgrößte Land der Erde. Mit einer Fläche von 8.515.770 km2 umfasst es außerdem fast die Hälfte des südamerikanischen Kontinents: Zum Vergleich, Brasilien ist damit knapp doppelt so groß wie alle Staaten der EU zusammen. Dementsprechend ist die Bevölkerungsdichte mit 24,92 Einwohnern pro km2 relativ niedrig, und lässt sich zum Beispiel mit der Dichte Schwedens vergleichen.

Als Schwellenland hat Brasilien noch eine vergleichsweise niedrige Internet-Penetrationsrate von 70,7%. Durch die schiere Größe des Landes schlägt sich das aber trotzdem in einer hohen Zahl von Online-Käufern nieder: Knapp 130 Millionen Brasilianer kauften im Jahr 2020 etwas im Internet. Das Volumen des E-Commerce betrug dabei im Jahr 2019 27,2 Milliarden US-$. Steigerten sich die Verkäufe dieses Marktes vor 10 Jahren noch mit Raten von über 20% jährlich, hat sich das Wachstum inzwischen verlangsamt, und soll laut Prognosen in den nächsten Jahren zwischen 3% und 5% betragen. Damit ist der brasilianische E-Commerce-Markt weniger dynamisch als der anderer Schwellenländer.

Von besonderem Interesse ist, dass fast die Hälfte der brasilianischen Online-Shopper auch bei ausländischen Unternehmen einkauft. Bisher teilen sich dabei die USA und China die Spitzenplatzierungen mit jeweils knapp 30%. Deutsche Unternehmen könnten hier vor allem mit Produkten punkten, die in Brasilien nicht in derselben Qualität zu finden sind.

Mit einem Anteil von 32% liegt der Handel über Smartphones und andere mobile Endgeräte etwas unter dem deutschen Niveau. Das größte Kundensegment ist zwischen 36 und 50 Jahren alt und kommt aus der Mittelschicht.

Der brasilianische E-Commerce-Markt wird bisher von einheimischen Plattformen dominiert, von denen B2W Digital (der Konzern hinter u.a. Americanas.com und Submarino.com), Magazine Luiza (oder kurz Magalu) und Cnova zu nennen sind. Die einzige wichtige Ausnahme ist der brasilianische Ableger des lateinamerikanischen Internet-Giganten Mercado Libre aus dem Mercosur-Nachbarland Argentinien, der in Brasilien Mercado Livre heißt. Während Mercado Libre mit eBay kooperiert, ist Amazon erst seit 2017 mit seinem vollen Angebot in Brasilien tätig, und somit weniger dominant als in Europa.

Lokalisierung

Amtssprache Brasiliens ist Portugiesisch, das nur in wenigen Gemeinden offiziell von indigenen Sprachen komplementiert wird. Es muss allerdings beachtet werden, dass in Brasilien brasilianisches Portugiesisch gesprochen wird, das sich, ähnlich wie das Englische, von seiner europäischen Variante unterscheidet. Während in einer Vereinbarung 1990 entschieden wurde, die Orthografie zu vereinheitlichen, gibt es neben den großen Unterschieden in der Aussprache auch einige grammatische Besonderheiten. Es ist deshalb ratsam, die Verkaufsplattform in Brasilien im entsprechenden Portugiesisch anzubieten, um Kunden zu überzeugen.

Der Brasilianische Real (abgekürzt BRL oder B$), der sich in 100 Centavos unterteilt, ist seit 1994 die Währung Brasiliens. Im Plural spricht man von 2 Reais.

Es muss außerdem bedacht werden, dass die brasilianischen Konfektionsgrößen weder den europäischen noch den US-Amerikanischen Größen entsprechen, und angepasst werden sollten. Dagegen wird in Brasilien, wie in Europa, das metrische System verwendet.

Interessant ist darüber hinaus die Relevanz besonderer Events für den E-Commerce: Neben Weihnachten sind da vor allem, ähnlich wie in den USA, Black Friday und Cyber Monday zu nennen. Alle drei Termine am Jahresende machen zusammen knapp ein Viertel des jährlichen E-Commerce-Erlöses aus.

Grundsätzlich können deutsche Unternehmen in Brasilien, wie in ganz Lateinamerika, von einem guten Ruf profitieren. Wirbt man mit deutscher oder europäischer Qualität, muss das Produkt diesen hohen Erwartungen aber auch entsprechen.

Schließlich muss darauf hingewiesen werden, dass die brasilianischen Einfuhrbeschränkungen eine besondere Herausforderung für ausländische Unternehmen sein können. Zunächst sind für fast alle Einfuhren relativ hohe Zölle fällig; der genaue Prozentsatz variiert von Produkt zu Produkt. Für postalische Lieferungen etwa, deren Wert 3.000 US-$ unterschreitet, werden laut J.P.Morgan 60% Zollgebühren fällig. Diese Kosten werden dem Kunden angerechnet. Dass kann, neben den potenziell langen Wartezeiten, um den Zoll zu passieren, einen stark negativen Effekt auf die Kundenzufriedenheit haben und zu Reklamationen führen. Eine Befreiung der Zollgebühren ist nur möglich, wenn nachgewiesen werden kann, dass kein entsprechendes Produkt in Brasilien erhältlich ist. Ebenfalls befreit sind Unternehmen aus den anderen Mercosur-Staaten Argentinien, Paraguay und Uruguay.

Dazu kommt, dass auch die bürokratischen Hürden für Einfuhr und Vermarktung in Brasilien relativ hoch sind. Die Formalitäten können außerdem viel Zeit in Anspruch nehmen. Insofern kann eine Kooperation mit lokalen Unternehmen große Vorteile bringen: Bürokratische Anforderungen können so umgangen oder vereinfacht werden, und Lieferungen können womöglich besser organisiert werden, um Kosten und Risiken der Einfuhr zu minimieren.

Zahlungsmethoden und Versand

Üblicherweise wird in Brasilien online mit Kredit- oder Debitkarten bezahlt. Hierbei sollte beachtet werden, dass viele Karten in Brasilien nicht für Auslandszahlungen benutzt werden können, und erst von der Bank freigeschaltet werden müssen. Während jeder Brasilianer im Durchschnitt 2,2 Karten besitzt, verfügt allerdings ein relevanter Teil der brasilianischen Bevölkerung nicht über ein Bankkonto. Das schlägt sich in der anhaltenden Beliebtheit von Barzahlungen und dem sogenannten „Boleto bancario“ nieder. Letzteres ist eine Rechnung, die auch bar in zahlreichen Geschäften bezahlt werden kann. Interessant für ausländische Unternehmen sind E-Wallet-Dienste wie Apple Pay, deren Verbreitung sich in den letzten Jahren deutlich gesteigert hat.

Knapp die Hälfte aller Zahlungen im E-Commerce erfolgt in Brasilien in Raten. Das ist insbesondere bei höheren Beträgen die Norm.

Nach den Zollbeschränkungen ist der Versand vielleicht die größte Herausforderung im brasilianischen E-Commerce-Markt. Das Land ist, verglichen mit europäischen Maßstäben, riesig, und die Infrastruktur ist häufig dürftig. Grundsätzlich ist die Straße der wichtigste Transportweg; abgesehen vom Südosten des Landes ist das Autobahnnetz in Brasilien allerdings sehr spärlich. Außerhalb der Ballungszentren im Südosten und Osten sind lange Versandfristen von über einer Woche die Regel. Hier muss allerdings auch beachtet werden, dass knapp zwei Drittel der Bestellungen im E-Commerce in die vier Bundesstaaten des Südostens gesandt werden, in denen São Paulo und Río de Janeiro liegen. In diesen großen Städten sind dafür Staus und Verkehrsprobleme häufig der Grund für Verspätungen im Versand.

Schließlich kann erwähnt werden, dass Pakete üblicherweise über die brasilianische Post, genannt „Correios“, versendet werden. Die Zufriedenheit mit der Post ist allerdings niedrig: Knapp ein Viertel der Verkäufer im E-Commerce bewertet den Service von „Correios“ als schlecht, und nur ein Drittel als gut oder ausgezeichnet. Neben Verspätungen sind das Fehlen einer Tracking-Option und Fälle von Betrug Gründe für diese Beschwerden.

Branchen

Die größten Branchen im E-Commerce in Brasilien sind „Mode und Accessoires“ und „Unterhaltung (inkl. Bücher)“. Darauf folgt „Spiele und Spielzeug“.

Fazit

Ein Eintritt in den brasilianischen Markt birgt eine Vielzahl von Hürden. Den Handel von Europa aus zu organisieren, ist aufgrund der Zollbeschränkungen und langen Lieferzeiten kaum möglich. Sinnvoll lässt sich das Land wahrscheinlich nur bedienen, wenn man in Brasilien präsent ist und Lagerhaltung und Versand vor Ort organisiert. Brasilien ist also kein Markt, den man „nebenbei“ erobern kann, hat aber ohne Frage großes Potential.

Spannend dürfte außerdem sein, wie sich das Mercosur-Handelsabkommen im Jahr 2021 entwickelt. Das Abkommen betrifft nämlich auch die EU, ist hier aber mittlerweile etwas umstritten. Portugal will den Vertrag während seiner Ratspräsidentschaft retten. Ob das klappt und in welcher Form, dürfte für die wirtschaftliche Zusammenarbeit entscheidend sein.



Quellen

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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