Bereits 2016 haben wir über den E-Commerce Markt in Polen berichtet. Seitdem hat sich einiges getan. Deshalb wollen wir erneut einen Blick auf unser Nachbarland werfen.

Zahlen und Fakten

Deutschlands östlichster Nachbarstaat hat eine Fläche von etwa 312.000 km² und ist damit gut 10% kleiner als Deutschlad. Mit ca. 38 Millionen Bürgern hat Polen eine Bevölkerungsdichte von 122 Einwohner pro km², wovon 90 % der römisch-katholischen Kirche angehören. Das Land hat damit die achtgrößte Bevölkerungszahl der EU und dazu recht junge Einwohner im Vergleich zu Deutschland, wobei das Alter in Polen stetig steigt. Während das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Deutschland von 45,90 (2015) ganz leicht auf 45,74 Jahre (2020) gesunken ist, stieg es bei den Polen von 39,73 (2015) auf 42,68 Jahre (2020) spürbar an.

Neben Deutschland grenzt Polen außerdem an Litauen, Weißrussland, Tschechien, Ukraine, Slowakei und die russische Exklave Kaliningrad. Die Hauptstadt Warschau liegt ungefähr 520 km von Berlin entfernt und beheimatet ca. 1,7 Millionen Menschen. Erwähnenswert ist auch, dass Polen zu den seenreichsten Ländern der Welt gehört. Die größten Seen sind der Spirdingsee, der Mauersee, der Lebasee und der Dratzigsee. Die Amtssprache ist Polnisch, wobei in einigen Orten auch Deutsch und Englisch gut verstanden und gesprochen wird. Deutsch wird aber trotz der räumlichen Nähe kaum in Schulen gelehrt.

Polen ist zwar auch EU-Mitglied, aber kein Mitglied der Europäischen Währungsunion. Das Land hat also eine eigene Währung: den Zloty. 1 Zloty entspricht aktuell etwa 22 Cent. Die polnischen Kunden kaufen und zahlen gerne online. Mit rund 66 % ist die Sofortüberweisung die beliebteste Zahlungsmethode. Dabei ist die lokale Bezahlmethode BLIK am populärsten. Aktuell haben 90 % aller Kunden polnischer Finanzinstitute die Möglichkeit, BLIK im Rahmen ihrer mobilen Banking-Anwendungen zu nutzen. Weiterhin folgen Nachnahme, herkömmliche Banküberweisungen, Kreditkarte sowie andere mobile Zahlungsarten.

58 % der Bestellungen werden vom Paketboten nach Hause oder an den Arbeitsplatz geliefert. An zweiter Stelle der beliebtesten Versandarten folgt die Abholung vom sogenannten „Paczkomat“, da dabei der Empfang der bestellten Waren rund um die Uhr möglich ist. Es gibt in Polen etwa 7000 Stück solcher Packstationen. Das Schlusslicht, aber auch noch häufig vertreten, ist schließlich die Selbstabholung am Kiosk, Postamt oder im Geschäft.

Trends und Einblicke

Es wird erwartet, dass das Marktvolumen bis 2025 um 7,28 % auf knapp 16 Mio. Euro steigt. Nach dieser Prognose liegt die Anzahl der Nutzer bei 21,5 Millionen, wobei davon ca. 25 % die Bestellung über ein mobiles Endgerät aufgeben. Auch die Penetrationsrate soll voraussichtlich bis 2025 steigen und bei 57,4 % liegen.

Beim Shoppen nehmen sich die Deutschen und die Polen grundsätzlich nicht viel. Die beliebtesten Produktgruppen beider Länder sind Kleidung und Schuhe, gefolgt von Spielzeug und Kinderartikeln, Elektronik und Büchern. Das erwartete Volumen für das größte Marktsegment „Fashion“ liegt dabei bei 5,748 Millionen Euro. Bei den polnischen Shoppern ergibt sich allerdings eine hohe Preissensibilität. Für etwa 47 % der Nutzer ist der Preis das wichtigste Auswahlkriterium, wobei der Trend auch klar weg von Billigprodukten und hin zu hochwertigen Produkten mit gutem Preisleistungsverhältnis geht. 57 % der Nutzer bestehen beim Online-Shopping auf kostenlose Rücksendung, wobei lediglich 22 % diese Leistung anbieten.

Die Polen sind in ihrem Kaufverhalten sehr nationalbewusst. Etwa 94 % der gesamten E-Commerce-Einkäufe werden im Inland getätigt. Das betrifft aber nicht nur ausländische Händler, sondern auch ausländische Unternehmen mit Niederlassungen in Polen: Amazon ist in Polen beispielsweise längst nicht so beliebt wie in Deutschland. Stattdessen wird gerne dessen Pendant Allegro.pl genutzt, welches in Osteuropa weit verbreitet ist. Daneben sind auch lokale Unternehmen wie Groupon.pl, Neo.24.pl, Opineo.pl, Komputronik, Empik digital & Publishing und Merlin.pl sehr beliebt.

Das bedeutet aber nicht, dass die Polen dem Ausland allgemein kritisch gegenüberstehen. Viele ausländische Unternehmen werden hoch angesehen, wie zum Beispiel Apple und Ikea. Vor allem die junge Bevölkerung ist sehr westlich orientiert; Waren aus den USA oder West- und Mitteleuropa genießen häufig einen hohen Stellenwert.

Auffallend ist, dass rund 70 % der Polen lieber als „Gast“ bestellen, also auf ein Kundenkonto verzichten. Ausländische Händler sollten diesen Wunsch berücksichtigen und zurückhaltend mit persönlichen Daten umgehen.

Corona-Boom

Die Corona-Pandemie hatte auch in Polen großen Einfluss auf den E-Commerce-Markt. Vor allem der Online-Shop „Shoper“ hat eine enorme Aufwärtsbewegung verzeichnet. Hauptsächlich im Mai und Juni 2020 gab es dort eine Steigerung von 110 % im Bereich von Masken und Desinfektionsmittel. Auch danach sind die Online-Verkäufe nicht mehr gesunken. Die Einkaufsgewohnheiten haben sich somit längerfristig geändert. Auch Lebensmittelgeschäfte sind sehr geschätzt. So gab es im Juni 2020 im Vergleich zu Juni 2019 181 % mehr Transaktionen.

Rechtliches

Für diejenigen, die keine Unternehmensstruktur in Polen aufbauen sondern ihre Waren und Dienstleistungen direkt aus dem Ausland vermarkten wollen, stellt sich die Frage des anwendbaren Rechts. Grundsätzlich unterliegt gemäß Art. 6 der Verordnung (EG) NR. 593/2008 der Vertrag zwischen Verbraucher und Unternehmer dem Recht des Staates, in dem der Verbraucher seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat, sofern der Unternehmer diverse Voraussetzungen erfüllt. Eine Rechtswahl hat ausdrücklich zu erfolgen oder muss sich aus den Bestimmungen des Vertrages oder den Umständen des Einzelfalls ergeben. Neben der Rechtswahl ist auch die gerichtliche Zuständigkeit zu beachten: Ansprüche eines Verbrauchers gegen ein Unternehmen können grundsätzlich entweder vor dem Gericht in dem Staat erhoben werden, in dem das Unternehmen den Sitz hat oder ohne Rücksicht auf den Sitz des Unternehmens vor dem Gericht des Ortes, an dem der Verbraucher seinen Wohnsitz hat.

Wer also plant, in Polen Waren und Dienstleistungen anzubieten, sollte die geltenden Rechtsvorschriften kennen und sich am polnischen Recht orientieren, denn im Zweifelsfall werden vor allem polnische Gerichte zuständig sein. Polnisches Recht schützt dabei aber vor allem den Verbraucher. Zudem kann es zu einer Verlängerung des Verfahrens kommen, wenn ein polnisches Gericht beispielsweise über deutsches Recht entscheiden muss.

Versand und Zoll

Die polnischen Kunden mögen es unkompliziert. Da kommt es gerade recht, dass sich eine Lieferung aus Deutschland aufgrund der EU-Mitgliedschaft und der räumlichen Nähe als sehr unproblematisch erweist. Nach 2-3 Werktagen erreichen die Pakete im Durchschnitt ihr Ziel und Zölle fallen dabei nicht an. Die einzige Hürde kann sein, dass Polen, wie bereits genannt, eine eigene Währung hat und man also nicht um die Umrechnung von Euro in Zloty herumkommt.

Fazit

Einen Blick auf Polen zu werfen kann sich in jeder Hinsicht lohnen. Gerade die Nähe zu Deutschland und die Zollfreiheit spielt Unternehmen dabei in die Karten. Wer direkt aus dem Ausland handeln möchte und keinen Sitz in Polen plant, sollte auf die rechtlichen Aspekte achtgeben. Solange der Onlineshop sauber lokalisiert und in der Landessprache gestaltet ist, sensibel und transparent mit Kundendaten umgeht und im besten Falle gute Rückabwicklungsmöglichkeiten anbietet, steht dem Erfolg nichts im Wege.



Quellen

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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