Der Konflikt mit Russland hat in der Ukraine auch wirtschaftlich Spuren hinterlassen. Doch nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie erfährt der E-Commerce im Land in letzter Zeit neuen Aufschwung, wie wir in der neuesten Folge unserer Blog-Serie beleuchten.

Zahlen und Fakten

Gute Nachrichten kamen aus der Ukraine in den vergangenen Jahren eher selten:  Seit der russischen Annexion der Krim-Halbinsel im Februar 2014 befindet sich das Land in einem bewaffneten Konflikt, im Osten der Ukraine herrschten teils bürgerkriegsähnliche Zustände. Ende 2021 hat sich die Situation an der Grenze erneut verschärft und die Angst vor einem offenen Krieg wächst. Doch das riesige Land im Osten Europas allein auf die aktuelle politische Lage zu reduzieren, wäre zu kurz gegriffen.

Mit einer Fläche von 603.700 Quadratkilometern (inklusive der Krim) ist die Ukraine der größte Staat, dessen komplette Landesfläche in Europa liegt – ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union ist das Land jedoch nicht. Die Ukraine ist etwa doppelt so groß wie Italien und Heimat für 44,13 Millionen Einwohner. Knapp drei Millionen davon leben in der Hauptstadt Kiew. Den Majdan, den größten Platz der Stadt, ziert das 63 Meter hohe, säulenförmige Unabhängigkeitsdenkmal. Es erinnert an den 24. August 1991, den Tag der Unabhängigkeit der Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Neben der Grenze zu Russland im Nordosten und Osten grenzt die Ukraine außerdem im Norden an Belarus, im Westen an Polen, die Slowakei und Ungarn sowie im Südwesten an Rumänien und die Republik Moldau. Mit insgesamt 2780 Kilometern Küstenlinie hat die Ukraine Zugang zum Schwarzen und zum Asowschen Meer. Die Abgrenzung zwischen den beiden Meeren bildet die von Russland besetzte, 26.000 Quadratkilometer große Krim-Halbinsel.

Der größte Teil des Landes ist eben und besteht aus flachen, fruchtbaren Steppen. Berge gibt es lediglich im Südwesten, hier hat die Ukraine Anteil an den Karpaten und der Pannonischen Ebene. Auf der Krim befindet sich das Krimgebirge. In den 18 Nationalparks des Landes leben bis heute Wölfe, Bären und Wildschweine, mittlerweile aber auch Exoten wie kleine Affenarten oder der Afrikanische Strauß.

Seit der Währungsreform im September 1996 ist die Hrywnja (UAH) die offizielle Währung der Ukraine. Einem Euro entsprechen dabei etwa 30 UAH.

Trends und Einblicke

Der Konflikt mit Russland hat in der Ukraine Spuren hinterlassen: Im „Quality of Life Index“ der Numbeo-Datenbank landete das Land 2021 europaweit auf dem drittletzten Platz – noch schlechter schnitten nur Russland und Belarus ab. Die Corona-Pandemie und die hohen Energiepreise bremsen das ukrainische Wirtschaftswachstum noch zusätzlich – mit 3,5 Prozent blieb die Wachstumsrate 2021 deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Insbesondere der Privatkonsum, der 75 Prozent des ukrainischen Bruttoinlandsproduktes ausmacht, hat sich nach dem bislang härtesten Lockdown-Jahr 2020 jedoch überraschend schnell erholt. Insbesondere die Online-Kauflust in der Ukraine wurde durch Covid-19 in den vergangenen Jahren sogar geradezu befeuert. Viele Anbieter seien von der großen Nachfrage 2020 überrascht worden, hätten sich dann aber schnell angepasst und digital aufgerüstet, berichtet etwa der Ukrainische Einzelhandelsverband. So stellte beispielsweise die Supermarktkette Sipo innerhalb von nur fünf Wochen einen Onlineauftritt mit „Click & Collect“ Bestellsystem für Lebensmittel auf die Beine. Insgesamt hat die Zahl der Onlinehändler seit Anfang 2019 um 14 Prozent zugenommen.  Für das Jahr 2022 sagt die Statista-Marktprognose einen Gesamtumsatz im E-Commerce von etwa 5,9 Millionen Euro voraus, was einem erneuten Umsatzwachstum von 18,71 Prozent entspräche.

Ende 2020 hatten 70 Prozent der ukrainischen Erwachsenen Zugang zum Internet. Knapp jeder Dritte gab in einer Umfrage der Russischen Zentralbank CBR an, regelmäßig im Internet einzukaufen. 90 Prozent hatten bereits mindestens einmal die Möglichkeit zum Online-Shopping genutzt. Besonders beliebt war demnach die Essensbestellung per Mausklick – aber auch Baumarktware und medizinische Produkte standen bei den Onlinekunden hoch im Kurs. Der größte einheimische Anbieter ist dabei laut der Datenbank eCommerceDB der Versandhändler Rozetka, gefolgt von der Online-Apotheke apteka911. Bücher, Spielzeug und elektronische Geräte erwarben die Ukrainer bevorzugt bei ausländischen Onlinehändlern wie Aliexpress, Amazon und Ebay.

Eine Besonderheit auf dem ukrainischen Markt ist der Bereich Social Media: Laut einem Bericht des Medienportals Ukraine World ist insbesondere die Foto-App Instagram eine beliebte Verkaufsplattform für kleine Anbieter. 45 Prozent aller ukrainischen E-Commerce Kunden hätten demnach bereits Produkte über die sozialen Medien erworben.

Von dem neuen E-Commerce-Boom profitieren jedoch auch die Logistikfirmen: Der führende private Paketanbieter Nova Poshta investierte bereits 2020 über 100 Millionen US-Dollar in die Infrastruktur, eröffnete und modernisierte Sortierzentren im ganzen Land. Auch der staatliche Post-Dienstleister Ukrposhta rüstet längst technisch auf, um der neuen Paketflut Herr zu werden. Als Versandlaufzeit für ein Paket aus Deutschland gibt der deutsche Anbieter DHL derzeit eine Dauer von etwa neun bis elf Tagen an.

Sprache

Nach ukrainischem Gesetz müssen Firmen, die Produkte und Dienstleistungen auf dem einheimischen Markt vertreiben, alle Informationen zu ihrem Angebot grundsätzlich (auch) auf Ukrainisch anbieten. Für den E-Commerce bedeutet das, dass Webseiten grundsätzlich auf Ukrainisch zur Verfügung stehen müssen. Die ostslawische Sprache ist alleinige Landessprache und Muttersprache von etwa 67 Prozent der Bevölkerung. Weitere knapp 30 Prozent der Einwohner sind Russisch-Muttersprachler. Sie leben vor allem im Osten des Landes und auf der Krim-Halbinsel. Die verbleibenden ca. drei Prozent verteilen sich auf zahlreiche Minderheitensprachen, darunter viele Sprachen aus anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Ukrainisch ist dabei linguistisch eng mit dem Russischen verwandt, weist jedoch auch einige polnische Einflüsse auf. Das ukrainische Alphabet besteht aus kyrillischen Buchstaben, wobei es sich aber beispielsweise vom russischen Alphabet in einigen Details unterscheidet.

Fazit

Die Ukraine hat in den vergangenen Jahren einen regelrechten E-Commerce-Boom erlebt, Experten erwarten weiteres Wachstum für die kommenden Jahre. Durch seine 44 Millionen Einwohner bietet das Land einen vergleichsweise großen potentiellen Absatzmarkt. Die Arbeits-, Rohstoff- und Produktionskosten vor Ort sind niedrig, die Nähe zur EU macht die Ukraine grundsätzlich attraktiv. Dennoch gilt natürlich: Die instabile außen- und innenpolitische Lage bleibt ein großer Risikofaktor.



Quellen:

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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