Tschechien ist, abgesehen von Luxemburg, das letzte Nachbarland, dessen E-Commerce-Markt von uns in der Reihe „E-Commerce in…“ vorgestellt wird. Dabei liegt eine Expansion in die Tschechische Republik aufgrund der kurzen Transportwege und des dynamischen Wachstums buchstäblich nahe. Deshalb lohnt sich eine nähere Betrachtung der Chancen, die das Land bietet.

Zahlen & Fakten

Tschechien ist mit knapp 10,7 Millionen Einwohnern im europäischen Mittelfeld, und lässt sich in Bezug auf die Bevölkerungszahl mit Baden-Württemberg vergleichen. Der Fläche nach ist Tschechien mit 78.866 km2 in etwa so groß wie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zusammen. Dem entspricht eine Bevölkerungsdichte von 138 Einwohnern pro km2, vergleichbar mit der Dichte Thüringens.

Die Internet-Penetrationsrate veträgt in Tschechien 85%, und liegt damit ungefähr im europäischen Mittelfeld. Dagegen kauften nur knapp 51% der Tschechen im Jahr 2020 online ein – für Europa ein sehr niedriger Wert. Allerdings sieht alles danach aus, als würde sich das in den nächsten Jahren ändern: In den letzten Jahren wuchs der E-Commerce jährlich um knapp 15% auf inzwischen ca. 4 Milliarden US-$. Dieses Wachstum wird sich in den nächsten Jahren voraussichtlich zwar abschwächen, es werden aber trotzdem noch knapp 5% jährliches Wachstum erwartet.

Das vergleichsweise geringe Volumen des E-Commerce in Tschechien kann unter anderem auf die geringere Kaufkraft zurückgeführt werden: Durchschnittlich gaben Käufer in Tschechien mit 737 Euro nur ein Drittel dessen aus, was pro Online-Kunde in Europa üblich ist. Darüber hinaus ist der E-Commerce in der Tschechischen Republik vor allem noch eine Domäne der Jüngeren: Während zwei Drittel der 18-34-Jährigen online einkaufen, sind es bei über 65-Jährigen nur 8 Prozent.

Diese starken Altersunterschiede im E-Commerce erklären auch den sehr hohen Anteil von mobilen Einkäufen: Ca. 54% aller Transaktionen im E-Commerce werden in Tschechien über ein mobiles Endgerät abgewickelt – und das bei nur 67% Smartphone-Penetration. Wer also vor allem junge Menschen ansprechen will, sollte sich unbedingt auf Verkäufe über Smartphones und Apps einstellen.

Wichtig zu wissen ist ebenfalls, dass die Tschechen nur selten auf ausländischen Seiten einkaufen: Nur 15% der Bevölkerung haben zumindest einmal einem ausländischen E-Commerce-Unternehmen ihr Vertrauen geschenkt. Dementsprechend sind es vor allem einheimische Unternehmen, die den Markt beherrschen: Allein der Online-Händler Alza.cz repräsentiert mehr als 20% des Tschechischen E-Commerce, danach kommen Mall.cz und CZC.cz, die wie Alza neben Elektronik ein weites Spektrum von Produkten vertreiben. Amazon dagegen bietet bis heute nur eine Übersetzung von amazon.de in Tschechien an.

Diese Vorliebe für einheimische Unternehmen muss aber nicht bedeuten, dass deutsche E-Commerce-Unternehmen schlechte Karten haben. Lehrreich ist hier vor allem das Beispiel der Expansion von Lidl: Denn neben Supermärkten bietet der deutsche Lebensmittelhändler seit 2017 einen Onlineshop mit dem Namen lidl-shop.cz an. Dort werden statt Lebensmitteln insbesondere Haushaltswaren und Kleidung angeboten. Mit 115 Millionen Euro Umsatz ist lidl-shop.cz inzwischen das fünftgrößte E-Commerce-Unternehmen in Tschechien, mit einem eigenen Logistikzentrum nur für den Online-Shop in der Nähe von Pilsen.

So kann die geringe Zahl von Käufen aus dem Ausland auch andersherum gelesen werden, nämlich als Anzeichen eines bisher sehr schwachen Engagements von internationalen E-Commerce-Unternehmen in Tschechien. Dabei wird das hohe Ansehen, das insbesondere deutsche Produkte in Tschechien genießen, nicht nur von der Tatsache untermauert, dass viele Tschechen zum Einkaufen nach Deutschland fahren, sondern auch dadurch, dass Lidl in Tschechien sein Firmenimage gewandelt hat, und inzwischen vor allem die hohe Qualität seiner Produkte anpreist. Deutsche Unternehmen können sich, wenn sie sich richtig auf den tschechischen Markt einstellen, also durchaus Chance ausrechnen.

Lokalisierung

Amtssprache in Tschechien ist das Tschechische. Zwar sprechen viele Tschechen auch Englisch, Deutsch oder Russisch, eine tschechische Online-Präsenz ist aber deutlich ansprechender und vertrauensbildender.

Während die Tschechische Republik seit 2004 Mitglied der Europäischen Union ist und damit die Zollbeschränkungen entfallen, hat Tschechien bis heute seine eigene Währung beibehalten, nämlich die Tschechische Krone (CZK). Eine Tschechische Krone unterteilt sich in 100 Heller, allerdings wird im Einzelhandel auf volle Kronen gerundet. Bisher ist die Einführung des Euros auf unbestimmte Zeit verschoben. Auch wenn tschechische Banken Euro-Konten anbieten, ist die Bezahlung in Euro im E-Commerce unüblich.

Um das eigene Unternehmen in Tschechien vertrauenswürdiger zu machen, kommt zum Beispiel das Siegel der APEK, der tschechischen Vereinigung für E-Commerce infrage. Dieses zertifiziert Händler, die bestimmte Standards erfüllen, etwa hinsichtlich Transparenz und Qualität.

Die Konfektionsgrößen entsprechen in Tschechien normalerweise den EU-Maßstäben.

Was besondere Verkaufstage angeht, ähnelt sich die Tschechische Republik dem hiesigen Markt: So hat sich neben Weihnachten auch der US-Amerikanische Black Friday im Kalender des E-Commerce etabliert.

Zahlungsmethoden und Versand

In Tschechien ist es üblich, auch online in bar einzukaufen: Bei 45% der Transaktionen bezahlen die Kunden bar, per Nachnahme. Einer der Gründe dafür ist der niedrige Anteil der Bevölkerung, der überhaupt ein Bankkonto besitzt: Mit 81% liegt Tschechien hier weit unter dem europäischen Durchschnitt. Dazu kommt, dass die Tschechen nur wenige Bankkarten haben, nämlich durchschnittlich 1,1 pro Person; davon sind nur 0,14 Karten pro Person Kreditkarten. Entsprechend unwichtig ist Kreditkartenzahlung im E-Commerce, bisher kommt sie bei nur 13% der Käufe zur Anwendung. Dagegen ist die Zahlung durch Überweisung, die zurzeit für 29% der Transaktionen aufkommt, im Wachstum begriffen, und wird laut Prognosen in ein paar Jahren die Zahlung per Nachnahme überflügeln.

Tschechien ist ein kleines Land mit guter Infrastruktur. Insbesondere die grenzübergreifenden Strecken von Prag nach Dresden und Nürnberg sind in den letzten Jahren ausgebaut worden. So ist man inzwischen von Frankfurt/Main aus schneller in Prag als in Berlin. Selbst Ostrava, im östlichsten Zipfel Tschechiens gelegen, ist problemlos innerhalb eines Tages zu erreichen.

Allerdings muss bedacht werden, dass die tschechischen Kunden in der Regel eine Zustellung am nächsten Tag erwarten, und zwar ohne Aufpreis. Für Unternehmen ohne Präsenz im Land kann das eine Herausforderung darstellen. Den Großteil des Versands übernimmt Česká Pošta, etwa 70% der Händler senden ihre Produkte über dieses staatseigene Unternehmen. Konkurrenten sind PPL, ein Partner der DHL, und DPD.

Branchen

Die wichtigsten Branchen im E-Commerce in Tschechien sind „Elektronik“ und „Mode und Sport“. Danach kommen „Reise“, „Haushaltswaren“ und „Lebensmittel“.

Fazit

Eine Expansion nach Tschechien kann für viele E-Commerce-Unternehmen eine Möglichkeit sein, sich mit relativ wenig Aufwand neue Märkte zu eröffnen. Insbesondere die geografische Nähe und die überschaubare Größe des Landes sind hierfür von Vorteil. Die einzige Hürde ist die Sprache, denn aufgrund der genannten Besonderheiten empfiehlt es sich dringend, den Shop in der Landessprache anzubieten. Wenn die Lokalisierung dann erfolgreich ist, kann die Tschechische Republik ein Sprungbrett zu weiteren Ländern in Mittel- und Osteuropa werden.



Quellen

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

Wir erklären, wie Internationalisierung funktioniert, geben Tipps zu Übersetzungsprojekten und erläutern Technologien und Prozesse. Außerdem berichten wir über aktuelle E-Commerce-Entwicklungen und befassen uns mit Themen rund um Sprache.