Argentinien ist eine der größten Volkswirtschaften Südamerikas. Im Ballungsraum rund um die Hauptstadt Buenos Aires und in den Metropolen am Río de la Plata entlang lebt fast ein Drittel der argentinischen Bevölkerung. Welche Merkmale den argentinischen E-Commerce kennzeichnen und was Unternehmen im Hinblick auf den digitalen Handel in Argentinien beachten müssen, zeigen wir hier.

Zahlen und Fakten

Mit einer Fläche von 2,8 Mio. km² ist Argentinien das zweitgrößte Land Südamerikas und der achtgrößte Staat der Welt. In Argentinien leben ca. 45 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner, nur die Länder Brasilien und Kolumbien beheimaten mehr Menschen auf dem südamerikanischen Kontinent. Die Hauptstadt Buenos Aires am Río de la Plata unweit der Grenze zu Uruguay ist das größte und wichtigste Wirtschaftszentrum des Landes und eine Metropole: Allein in der Ciudad Autónoma, in der Autonomen Stadt Buenos Aires also, leben ca. 3 Mio. Argentinierinnen und Argentinier und der 100×40 km große Ballungsraum Gran Buenos Aires am Ufer des Río de la Plata entlang beherbergt fast ein Drittel der argentinischen Bevölkerung und gehört zu den größten Metropolregionen Südamerikas.

Argentinien liegt im Süden Lateinamerikas und grenzt im Westen an Chile, im Norden und Nordosten an Bolivien, Paraguay, Brasilien und Uruguay und liegt im Osten am Atlantischen Ozean. Die präsidentielle Republik ist föderal organisiert und setzt sich aus 23 Provinzen und der Bundeshauptstadt Buenos Aires zusammen. In den späteren 70ern und früheren 80ern Jahre erfuhr das Land mehrere Militärdiktaturen, nach 1983 kehrte Argentinien zur Demokratie zurück. Heute haben die 23 Provinzen Argentiniens eine eigene Regierung und genießen eine weitgehende Autonomie gegenüber dem Bund.

Der Argentinische Peso (ARS) ist die Währung Argentiniens. Die heutige Währung ersetzte 1992 den früher benutzen Austral, der von 1985 bis 1991 im Umlauf war. 1 Peso unterteilt sich in 100 Centavos und entspricht aktuell (13.12.2021) 0,0087 Euro, umgekehrt bekommt man für einen Euro 114,40 Argentinische Pesos.

Naben dem Wechselkurs sollten Reisende aus Deutschland auch die Zeitverschiebung bedenken, die in der Sommerzeit 5 Stunden und sonst 4 Stunden beträgt. Auch darf beim Saisongeschäft nicht vergessen werden, dass sich die Jahreszeit unterscheidet: Argentinien liegt auf der Südhalbkugel der Erde, weshalb die deutschen Wintermonate dem argentinischen Sommer entsprechen. Wenn also im Dezember in Berlin 12:00 Uhr ist, ist es in Buenos Aires 8:00 Uhr und sommerlich warm.

Sprachen und Produktkennzeichnung

Spanisch ist die landesweit gültige Amtssprache Argentiniens und wird von der Mehrheit der Argentinierinnen und Argentinier als Muttersprache gesprochen. Früher war Argentinien ein Migrationsland und die zahlreichen kulturellen und sprachlichen Besonderheiten der Migrantinnen und Migranten, die vor allem aus europäischen Ländern wie Italien kamen, spiegel sich bis heute im argentinischen Spanischen wider. Dieses unterscheidet sich durch einen eigenen Wortschatz und eigene Ausspracheregeln vom europäischen Spanisch.

Die Unterschiede sind nicht so gravierend, dass ein Argentinier einen Spanier nicht verstehen würde, einem Muttersprachler fallen sie aber sofort auf. Bei Übersetzungen muss man sich deshalb entscheiden: Natürlich kann man einfach in „Spanisch (ES)“, also „spanisches Spanisch“ übersetzen lassen. Der Vorteil ist, dass diese Texte prinzipiell für alle spanischsprachigen Zielmärkte verwendet werden können, da sie überall verständlich sind. Der Nachteil ist, dass den mittel- und südamerikanischen Kunden sofort auffällt, dass diese Texte nur ein Kompromiss sind, und sie somit nur Kunden zweiter Klasse. Besser wäre es, die einzelnen Länder und ihre sprachlichen Varianten bei der Übersetzung zu berücksichtigen, auch wenn das natürlich etwas aufwändiger und damit teurer ist.

In Argentinien leben heute 39 indigene, das heißt einheimische Bevölkerungsgruppen, die eine andere Muttersprache als Spanisch haben. Die indigenen Sprachen Quechua und Guaraní zählen die meisten Sprecherinnen und Sprecher. Insgesamt sprechen 2,4 % der Argentinierinnen und Argentinier eine indigene Sprache.

Im Hinblick auf den E-Commerce ist für einen erfolgreichen Anstieg am argentinischen Markt die Beachtung der nationalen Bestimmungen zur Verwendung der spanischen Sprache wichtig. Laut argentinischem Gesetz müssen alle Produkte auf ihren Etiketten oder Verpackungen Angaben zu deren Bezeichnung, Ursprungsland, Qualität und Nettoinhalt in spanischer Sprache aufweisen (Quelle: wko.at, letzter Zugriff am 13.12.2021).

Trends und Einblicke

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 455 Mrd. US-Dollar zählt Argentinien zu einer der größten Volkswirtschaften Südamerikas. Das Land verfügt über enorme natürliche Ressourcen in den Bereichen Energie und Landwirtschaft und hat ein großes Potenzial für erneuerbare Energien.

Traditionell waren vor allem die Landwirtschafts- und Viehzuchtindustrie der führende Sektor in der argentinischen Wirtschaft, heute tragen der Dienstleistungssektor sowie das verarbeitende Gewerbe und die High-Tech-Industrie wesentlich mehr zum BIP des Landes bei. Argentinien gilt heute als eine moderne Dienstleistungswirtschaft. Das bezeugt der Anteil des tertiären Sektors am nationalen BIP, der 54,34 % beträgt. Die Sektoren Industrie und Landwirtschaft tragen zu 22,47 % bzw. 6,84 % zur argentinischen Wirtschaft bei (Daten aus dem Jahr 2020).

Am meisten exportiert werden nach wie vor Landwirtschaftsprodukte, darunter vor allem Sojabohnen, Weizen und Fleisch sowie Wolle und Wein. Somit ist die Landwirtschaft trotz geringerer Beteiligung am nationalen BIP weiterhin eine wesentliche Quelle für Export-Einnahmen: Die argentinischen Warenexporte beliefen sich im Jahr 2019 auf 65,12 Mrd. US-Dollar, allein die Landwirtschaftsprodukte waren für rund 39 Mrd. verantwortlich. Die Nachbarländer Brasilien (16 %) und Chile (5 %) sowie die USA (7 %) und China (11 %) waren im Jahr 2019 Argentiniens wichtigste Kunden.

Aus dem Ausland importiert werden vor allem Zwischenprodukte (29 %), Investitionsgüter (20 %), Brenn- und Schmierstoffe (13 %) und Kraftfahrzeuge (8 %). Argentiniens größtes Nachbarland Brasilien (29 %) sowie China (14 %), die USA (10 Prozent) und Deutschland (5 %) waren im Jahr 2019 die wichtigsten Handelspartner im Bezug auf die Warenimporte.

Den E-Commerce in Argentinien begünstigen vor allem das junge Durchschnittsalter der Bevölkerung von 31,5 Jahren, die hohe Urbanisierungsrate von 91,99 % und die wachsende Penetrationsrate des Internets. In Argentinien leben über 37 Mio. Internetnutzerinnen und -nutzer, das entspricht ca. 80 % der Bevölkerung. Damit hat Argentinien die dritthöchste Internetpenetrationsrate in Südamerika nach Brasilien und Mexiko. Laut Daten der argentinischen Kammer für Information und Kommunikation (CICOMRA) surften im Jahr 2020 neun von zehn Argentinierinnen und Argentiniern von ihrem Handy aus ins Internet.

Laut der argentinischen Kammer für elektronischen Handel (CACE) haben im Pandemiejahr 2020 ca. 90 % der erwachsenen Argentinierinnen und Argentinier, die Zugang zum Internet haben, mindestens einmal Waren oder Dienstleistungen online über E-Commerce-Kanäle bezogen. Das entspricht rund 18,3 Mio. Onlinekonsumentinnen und -konsumenten. Vor allem die 25- bis 34-Jährigen und die 35- bis 44-Jährigen kaufen online und sind für 28,9 % und 25,6 % der E-Commerce-Transaktionen verantwortlich.

Begünstigt durch den monatelangen Lockdown wuchs der argentinische E-Commerce im Jahr 2020 um 124 %. Aktuell ist der argentinische E-Commerce-Markt ca. 9 Mrd. US-Dollar wert, bis 2025 soll der Gesamtumsatz aus dem Onlinehandel weiter bis auf 11 Mrd. wachsen. Die Segmente Elektronik (2,656 Mio. US-Dollar), Einrichtung (2,592 Mio. US-Dollar) und Mode (1,699 Mio. US-Dollar) generieren die höchsten Umsätze im argentinischen E-Commerce. Auch Körperpflegeprodukte (675 Mio. US-Dollar) und DIY-Artikel (710 Mio. US-Dollar) lassen sich in Argentinien über E-Commerce-Kanäle gut verkaufen. Zu 95 % werden Waren und Dienstleistungen von argentinischen Händlerinnen und Händlern bezogen, zum restlichen 5 % von ausländischen Unternehmen, vor allem aus China, den USA, Japan, Deutschland und Großbritannien.

Die meisten Onlinezahlungen werden in Argentinien per Kredit- bzw. Debitkarte (44 %) abgeschlossen. Auch beliebt sind digitale Zahlungsinstrumente wie das E-Wallet (19 %) und traditionelle Zahlungsmöglichkeiten wie die Banküberweisung (13 %) und die Abbuchung (13 %).

Mercado Libre, OLX, Dafiti und Facebook Marketplace sind die meistbenutzten Marktplätze.

Wirtschaftslage

Die hohe Inflation und die damit verbundenen Wirtschaftskrisen machen die argentinische Wirtschaft auf Dauer instabil. Die Wirtschaftslage Argentiniens hatte sich bereits im Zeitraum 2017-2019 verschlechtert und wurde nach dem Ausbruch der Pandemie durch Covid-19 kritisch. Das Land befindet sich aktuell in der tiefsten Rezession seit der Finanzkrise 2001/02. Schuld daran sind die Volatilität aufgrund der hohen Inflationsrate, die noch vor der Pandemie bei 54 % lag, bevor sie im Jahr 2020 auf 42 % sank, und die staatlichen Interventionen zur Eindämmung der Krise, darunter vor allem die umstrittenen Devisenrestriktionen und das restriktive Importregime, die Argentinien für ausländische Investitionen eher unbeliebt machen (Quelle: wko.at, letzter Zugriff am 13.12.2021).

Importbestimmungen und Restriktionen

Die Bezahlung von Waren und Dienstleistungen, die aus dem Ausland über E-Commerce-Kanäle direkt bezogen werden, kann in der Praxis nur per Kreditkarte erfolgen.

Ab einem Wert von 25 US-Dollar wird für Onlineeinkäufe von Privatpersonen aus dem Ausland eine Einheitssteuer in Höhe von 50 % des Warenwerts eingehoben. Ist der Warenwert gleich oder höher als 1.000 US-Dollar, so unterliegen auch Onlineeinkäufe seitens argentinischer Privatkonsumentinnen und -konsumenten den normalen Importvorschriften.

Für Textilien, Kleidung und Schuhe gibt es komplizierte Importbestimmungen. Diese betreffen vor allem den Ursprungsnachweis sowie die Etikettierung der Waren. Elektrische und elektronische Geräte bis 1.500V DC bzw. 1.000V AC müssen den argentinischen IRAM bzw. IEC Normen entsprechen. Lebensmittel und Kosmetika müssen vor dem Import durch die argentinischen Gesundheitsbehörden zugelassen werden. Die Zulassung kann nur über hierfür autorisierte lokale Importeurinnen und Importeure eingeholt werden. Der Import bestimmter gebrauchter Maschinen ist nicht gestattet. Nicht ausgeschlossene gebrauchte Maschinen können nur unter Vorlage eines Zertifikats importiert werden, das nachweist, dass die gebrauchte Maschine neuwertig ist. Das Zertifikat muss vom Originalhersteller ausgestellt, von einem technischen Institut überprüft und vom argentinischen Konsulat amtlich beglaubigt werden (Quelle: wko.at, letzter Zugriff am 13.12.2021).

Fazit

Argentinien ist eine der größten Volkswirtschaften Südamerikas und hat viel unerschlossenes Potenzial. Seine junge Bevölkerung lebt vorwiegend in der Hauptstadt Buenos Aires und in den großen Ballungsräumen um die Autonome Stadt und die Metropolen am Río de la Plata herum, ist digitalaffin, setzt das Internet und die mobile Technologie kompetent und kauforientiert ein und greift regelmäßig auf digitale Zahlungsmöglichkeiten zurück, um den Einkauf von Waren und Dienstleistungen über E-Commerce-Kanäle abzuschließen. Landesintern wächst der Umsatz aus dem Onlinehandel stabil, die Wirtschaftslage Argentiniens bleibt hingegen kritisch. Vor allem die hohe Inflation und die restriktiven Importbestimmungen machen den Anstieg am lokalen Markt für ausländische Unternehmen schwierig.



Quellen:

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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