Mit Chile wird hier der E-Commerce-Markt des nächsten südamerikanischen Landes vorgestellt. Denn Chile ist nicht nur für Abenteurer aufregend, die zwischen Atacama-Wüste und Patagonien bezaubernde Landschaften suchen: Auch die E-Commerce-Landschaft ist interessant. Die geringe Bevölkerungsgröße, im Vergleich mit Chiles Nachbarn, wird mühelos durch eine hohe Kaufkraft und die Kompaktheit der Bevölkerung wettgemacht. So steht Chile weltweit auf Rang 30 der größten E-Commerce-Märkte.

Zahlen & Fakten

Chile ist mit knapp 18 Millionen Menschen für südamerikanische Verhältnisse eher ein Zwerg als ein Gigant. Damit leben in Chile nur ein wenig mehr Menschen als in Baden-Württemberg und Hessen zusammen. Mit einer Fläche von 756.102 km2 ist Chile aber ungefähr doppelt so groß wie ganz Deutschland. Dabei hat das Land außerdem eine ungewöhnliche Form, es erstreckt sich nämlich auf einer Nord-Süd-Länge von knapp 4200 km, bei einer durchschnittlichen Breite von nur 200 km. Die sich daraus ergebende Bevölkerungsdichte liegt bei 25 Einwohnern pro km2, eine Dichte, die der Schwedens entspricht.

Gerade im Vergleich mit seinen südamerikanischen Nachbarn hat Chile eine extrem hohe Internet-Zugänglichkeit: Durchschnittlich verbinden sich 95,7% der Bevölkerung täglich mit dem Internet. Dabei nehmen sie typischerweise das Smartphone. Der chilenische Staat investiert außerdem kräftig in die Internet-Infrastruktur: In 15 der 16 Regionen gibt es bereits kostenlose WLAN-Zonen, die auch Menschen mit geringem Einkommen den Zugang zum Internet ermöglichen. Ziel ist es, in 90% aller Gemeinden des Landes Zonen mit öffentlichem WLAN einzurichten.

Diese an sich schon gute Situation für den E-Commerce hat im Zuge der Covid-19-Pandemie eine ganz neue Dynamik gewonnen: Wegen der strengen Lockdowns und der hohen Fallzahlen, die das Land über weite Strecken erlebte, wurde der Einkauf im Internet für weite Teile der Bevölkerung zur Normalität. Zwei Drittel der Befragten in Chile geben an, dass sie seit Beginn der Pandemie mehr im Internet einkaufen. Besonders stiegen die E-Commerce-Verkäufe bei Supermärkten, Lieferdiensten und Medikamenten; allerdings war die erhöhte Nachfrage in allen Sektoren zu spüren.

Entsprechend beeindruckend war auch das Wachstum in den Jahren 2020 und 2021: Von knapp 6 Milliarden US-$ Umsatz im Jahre 2019 verdoppelte sich das Handelsvolumen im E-Commerce in zwei Jahren auf knapp 12 Milliarden US-$ im Jahr 2021. Das Wachstum im Laufe des Jahres 2020 wird mit satten 44% angegeben. Auch wenn der Effekt der Pandemie ab jetzt wohl nachlassen wird, wird trotzdem noch mit durchschnittlich 13% jährlichem Wachstum in den nächsten vier Jahren gerechnet – hohe Raten, nicht nur im Vergleich mit Europa, sondern auch mit den Nachbarn in der Region. Somit wird der Pro-Kopf-Erlös im E-Commerce, der schon vorher vor anderen Riesen in der Region, wie Brasilien oder Argentinien, lag, noch weiter steigen. Chiles Spitzenreiter-Rolle wird davon unterstrichen, dass das Land für 10% des lateinamerikanischen E-Commerce-Umsatzes verantwortlich ist, obwohl nur 2% der Bevölkerung Lateinamerikas in Chile lebt.

Dabei wird knapp 12% des E-Commerce-Umsatzes in Chile auf ausländischen Webseiten erwirtschaftet. Dass hier der chinesische Riese Alibaba weit vorne liegt, zeigt nicht nur, dass auch in Chile gute Preise hochgeschätzt werden, sondern auch, dass die Käufer in Chile durchaus bereit sind, Produkte aus weit entfernten Ländern zu kaufen. Amazon ist dagegen kaum verbreitet, insbesondere, weil es keine eigene Seite für Chile betreibt und viele Produkte nicht nach Chile versendet werden können.

Innerhalb Chiles dominieren lokale Anbieter: Der Konzern mit dem größtem E-Commerce-Umsatz ist die online-Sektion des chilenische Handelsunternehmen Falabella, mit ca. 673 Millionen US-$. Darauf folgen der Supermarkt Lider, der zur US-Amerikanischen Gruppe Walmart gehört, sowie die chilenischen Einzelhandelsketten Ripley und Paris. Zusammen kommen diese großen Konzerne auf knapp 25% des E-Commerce-Umsatzes in Chile.

Interessant ist außerdem der außerordentliche Erfolg der Verkaufsplattform Mercado Libre, die dem Konzept nach mit eBay verglichen werden kann, und mit eBay auch kooperiert. Mercado Libre ist ein argentinisches Unternehmen, dass erst vor kurzem in ein neues Verteilungszentrum in Chile investiert hat. Außerdem verfügt Mercado Libre in Chile über knapp 9 Millionen registrierte Nutzer, also knapp die Hälfte der gesamten Bevölkerung.

Lokalisierung

Die Amtssprache in Chile ist Spanisch. Unter den indigenen Teilen der Bevölkerung wird insbesondere Mapudungun und Quechua gesprochen, so gut wie 100% der Bevölkerung sprechen aber fließend Spanisch. Wichtig ist aber, dass in Chile lateinamerikanisches Spanisch gesprochen wird, dass sich, so ähnlich wie das Englische, von seiner europäischen Variante unterscheidet. Das spanische Spanisch wird vor Ort zwar verstanden, löst aber sofort ein Gefühl von Fremdheit und Distanz aus. Eine Website, die ins lateinamerikanische Spanisch übersetzt wurde, ist für die Zielgruppe also deutlich ansprechender.

Die offizielle Währung in Chile ist der Chilenische Peso (CLP). Seit einiger Zeit ist der kleinste Betrag, mit dem gerechnet wird, 10 CLP (umgerechnet zurzeit knapp 0,1 Eurocent). Bei internationalen Käufen ist es durchaus üblich, in US-$ zu bezahlen.

Die Konfektionsgrößen in Chile entsprechen zum größten Teil dem europäischen Standard. Außerdem wird, anders als in den USA, das metrische System verwendet.

Der chilenische Staat unterstützt ganz gezielt den Ausbau des E-Commerces, etwa mit der „Digital Agenda 2020“, die die Digitalisierung in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft vorantreiben soll. Außerdem existiert das lokale EcertChile-Label, dass vertrauenswürdige Unternehmen im E-Commerce ausweist.

Dank der Unterstützung von staatlicher Seite hat der E-Commerce in Chile einen Online-Verkaufstag etablieren können, der inzwischen noch wichtiger ist als der ebenfalls verbreitete Black Friday: Der sogenannte CyberDay brachte den E-Commerce-Unternehmen 2020 einen Umsatz von 368 Millionen US-$, und knapp 4 Millionen Verkäufe. Darüber hinaus ist die Vorweihnachtszeit, wie in Europa, eine sehr wichtige Saison für den E-Commerce.

Grundsätzlich können deutsche Unternehmen in Chile, wie in ganz Lateinamerika, von einem guten Ruf profitieren. Dieser gute Ruf zeigt sich zum Beispiel an der großen Anzahl von Marken in Chile, die sich bewusst einen deutsch klingenden Namen geben. Als echtes deutsches Unternehmen kann man von diesem Ansehen sicherlich profitieren.

Zahlungsmethoden und Versand

Normalerweise zahlen die E-Commerce-Kunden in Chile ihre Einkäufe per Karte. Die häufigste Wahl ist hierbei die Kreditkarte oder die Zahlung per Überweisung, etwa mithilfe der Anwendung Webpay. Internationale Kreditkarten werden dagegen in Chile meist nicht akzeptiert, und chilenische Kreditkarten sind oft nicht zur Bezahlung außerhalb Chiles freigeschaltet – dies muss extra bei der Bank beantragt werden. Daneben hat die Verkaufsplattform Mercado Libre auch ihre eigene Bezahlanwendung, Mercado Pago, etablieren können.

Eine Besonderheit, die unbedingt beachtet werden muss, ist die Zahlung per Raten: Die Kunden in Chile sind daran gewöhnt, beinahe alles in zinsfreien Raten bezahlen zu können, selbst den Einkauf im Supermarkt. Wer im E-Commerce erfolgreich sein will, sollte also die Möglichkeit anbieten, die Produkte in bis zu 12 oder sogar 24 Monats-Raten bezahlen zu können.

Chile ist zwar ein Land, dessen geografische Maßstäbe eine Herausforderung sein können, allerdings sollte beachtet werden, dass der allergrößte Teil der Bevölkerung relativ kompakt im Zentrum des Landes lebt: Fast die Hälfte der Chilenen wohnt im Großraum der Hauptstadt Santiago de Chile, und der größte Teil der restlichen Bevölkerung wohnt im zentralen und zentral-südlichen Teil des Landes. In diesen Teilen des Landes ist auch die Infrastruktur ausreichend: Während Schienenwege fast komplett fehlen, ist das Autobahnnetz gut ausgebaut, und wird durch viele Häfen und Flughäfen ergänzt.

Den chilenischen Kunden ist neben dem Preis insbesondere ein schneller Versand wichtig. Allerdings werden bei europäischen Produkten, die in Chile nicht erhältlich sind, auch viel längere Versandfristen akzeptiert: So ist es durchaus üblich, 6 bis 8 Wochen auf ein Buch aus Europa zu warten.

Die wichtigsten Versanddienstleister sind Chilexpress und das staatliche Post-Unternehmen Correos de Chile, die beide von knapp einem Drittel der E-Commerce-Unternehmen genutzt werden. Daneben ist auch das Transportunternehmen Starken zu nennen, dass zum chilenischen Fernbusunternehmen Turbus gehört.

Branchen

Die wichtigsten Branchen in Chile sind „Spielzeug und Hobby“, vor „Elektronik und Medien“ und „Möbel und Küchengeräte“.

Fazit

Chile, dass auf den ersten Blick wirkt wie ein kleines Land am Ende der Welt, entpuppt sich als ein kompakter und dynamischer E-Commerce-Markt. Neben dem schnellen Wachstum machen die im Vergleich hohe Kaufkraft und die weit entwickelte E-Commerce-Kultur das Land zu einem attraktiven Ziel für alle, die sich vor der großen Entfernung nach Chile nicht scheuen.



Quellen:

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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