Spanisch und seinen Varianten belegen hinter Mandarin den zweiten Platz der meistgesprochenen Sprachen und liegt damit sogar einen Platz vor Englisch. Mehr als eine halbe Milliarde Spanisch-Muttersprachler gibt es weltweit! Das Verbreitungsgebiet des Spanischen erstreckt sich über Europa – hier nicht nur Spanien, sondern auch Andorra und Gibraltar –, Südamerika, Mittelamerika, die Karibik und Nordamerika. Sogar in Asien und Afrika finden sich spanische Muttersprachler, da die Philippinen, Äquatorialguinea und die Westsahara einst spanische Kolonien waren. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede die spanische Sprache hat und was bei einer Übersetzung wichtig ist, wollen wir im Folgenden erklären.

Die Spanische Sprache in Europa und Lateinamerika

Die verschiedenen kulturellen und sozialhistorischen Kontexte haben dabei dazu beigetragen, dass das Spanisch, was man in Madrid hört, nicht dem gleicht, das man in Buenos Aires oder wiederum in San José in Costa Rica hört. Auch in Spanien selbst hört man einen großen Unterschied zwischen Muttersprachlern aus dem Süden und aus dem Norden.

Vergleicht man das Spanisch Europas und Süd-/Mittelamerikas, so ist die erste Auffälligkeit, dass zwei verschiedene Begriffe verwendet werden, um die eigene Sprache zu bezeichnen. In den lateinamerikanischen Ländern wird Spanisch allgemein español genannt. Ein Spanier hingegen bezeichnet sein Spanisch als castellano, nach der Provinz Kastilien. Ein Begriff, der vor allem der Abgrenzung von anderen in Spanien gesprochen Sprachen wie Katalanisch, Baskisch oder Galizisch dienen soll. Castellano ist zwar in ganz Spanien die offizielle Amtssprache, aber in den jeweiligen Regionen, z.B. Katalonien, Valencia oder dem Baskenland ist die jeweilige regionale Sprache offizielle regionale Amtssprache und wird zur Achtung des kulturellen Erbes auch konsequent im öffentlichen Leben verwendet.

Unterschiede der spanischen Sprache

Neben dieser sprachlichen Vielfalt innerhalb Spaniens gibt es auch Unterschiede zwischen dem castellano Spaniens und dem español Lateinamerikas. Auch wenn letzteres wegen der geographischen Ausbreitung ein sehr weites Gebiet umfasst, finden sich in ganz Lateinamerika zwei einheitliche Charakteristika.

seseo vs. ceceo

Ein typischer Unterschied liegt darin, wie die S-Laute ausgesprochen werden. In Lateinamerika werden die Phoneme (=Laute) /s/ und /θ/ nicht unterschieden, die Buchstaben <c>, <z>, und <s> werden also wie das im Deutschen bekannte scharfe <s> ausgesprochen. Dieses Phänomen nennt man seseo. In Spanien (mit Ausnahme der südlichen Regionen) werden das <c> und <z> hingegen gelispelt, also ähnlich wie das englische <th> in dem Wort „the“ gesprochen. Diese Aussprache wird als ceceo bezeichnet.

Wenn ein Peruaner in einer Bar ein Bier („cerveza“) bestellen möchte, dann sagt er „servesa“ ([sɛɾˈβesa]). Bei einem madrileño (Spanier aus Madrid) hört man hingegen „thervetha“ ([θɛɾˈβeθa]).

vosotros vs. ustedes

Das zweite sprachliche Phänomen, das in ganz Lateinamerika einheitlich auftritt, ist das Wegfallen des zweiten Personalpronomens im Plural vosotros. In Lateinamerika verwendet man stattdessen ustedes, das Personalpronomen, das in Spanien dem höflichen Siezen vorbehalten ist. Den Satz „Wollt ihr einen Spaziergang machen?“ sagt man in Spanien „¿(Vosotros) queréis dar un paseo?“ und in Lateinamerika als „¿(Ustedes) quieren dar un paseo?“ Würde man letztere Variante in Spanien verwenden, dann würde sich dies als „Wollen Sie einen Spaziergang machen?“ übersetzen lassen. Ein kleiner aber feiner Unterschied.

Landestypische Varianten

voseo vs. tuteo

Neben diesen beiden einheitlich verwendeten Aspekten gibt es weitere Besonderheiten, die nur in einzelnen Ländern Lateinamerikas vorkommen. Eine davon ist das Ersetzen des zweiten Personalpronomens im Singular (also das Deutsch „du“) mit dem Pronomen vos. Dieses Phänomen ist allgemein bekannt als voseo, während das Verwenden des Pronomens tuteo genannt wird. Der voseo ist in jedem Land Lateinamerikas außer Puerto Rico und der Dominikanischen Republik präsent. Dabei muss man aber auch noch zwischen gesprochener und geschriebener Sprache unterscheiden: In einigen Regionen gilt der voseo in geschriebener Form als umgangssprachlich, wird also nur selten verwendet, während er in der gesprochenen Sprache selbstverständlich ist.

yeísmo vs. lleísmo

Ein weiteres phonologisches Element ist der yeísmo, der das Zusammenfallen der Phoneme ​/⁠ʎ⁠/​ und ​/⁠ʝ⁠/​ beschreibt. Das heißt, dass man die Buchstaben <ll> und <y> beim Aussprechen nicht unterscheiden kann und beide wie ein deutsches <j> klingen. Zwischen den beiden Wörtern pollo („das Hähnchen“) und poyo („die Steinbank“) hört man also keinen Unterschied. Der lleísmo hingegen bezeichnet die Differenzierung der beiden Buchstaben in der Aussprache, der besonders in Kolumbien, in Ecuador, Peru, Bolivien und Paraguay, als Dialektvariante jedoch auch in Spanien auftaucht. Hier zu nennen ist auch die Besonderheit der Río de la Plata Region, besonders in Argentinien und Uruguay, in der das <ll> und das <y> wie ein deutsches <sch> ausgesprochen wird. Der Satz „Ella se llama María“ („Sie heißt María“) klingt in Argentinien „Escha se schama María“.

Ursprung der Unterschiede

Ein interessanter Aspekt ist, dass es eine große Ähnlichkeit zwischen dem Spanisch Andalusiens, dem Spanisch der kanarischen Inseln und dem in Lateinamerika gesprochenen Spanisch gibt. Diese linguistischen Phänomene sind hauptsächlich phonologischer und phonetischer Art. Der lateinamerikanische seseo z.B. ist auch in Andalusien und den Kanaren weit verbreitet, und auch die konsonantische Schwächung, beispielsweise das Hauchen des <s> oder der Verlust des weichen <d> zwischen zwei Vokalen. In Andalusien und den Kanaren würde man den Satz „Los niños han comido el pescado con las manos“ („Die Kinder haben den Fisch mit den Händen gegessen“) wie folgt hören: „Loh niñoh han comío el pescao con lah manoh“. Auch das Vertauschen von /r/ und /l/ vor Konsonanten, das in Lateinamerika vor allem auf den Antillen geläufig ist, findet sich auch im Süden Spaniens: das Wort alma („Seele“) wird so zu „arma“.

Ob die Ursprünge des amerikanischen Spanischs im Andalusischen liegen, ist eine sprachwissenschaftliche Theorie, auch teoría andalucista genannt, die zwischen Linguisten stark debattiert wurde. Auch wenn offensichtlich ist, dass die charakteristischsten phonetischen Merkmale des amerikanischen Spanischs, wie der seseo und die Abschwächung des <d>, nicht allgemein auf dem amerikanischen Kontinent und nicht ausschließlich in Andalusien zu finden sind, ist doch ein erheblicher Einfluss des andalusischen Dialektes in den lateinamerikanischen Varianten zu finden.

Der hohe Anteil andalusischer Siedler im 16. Jahrhundert erklärt die historischen Gründe für ihren starken sprachlichen Einfluss. Dieser zeigt sich besonders in Küstenregionen, deren Häfen häufig Flotten aus Andalusien und den Kanaren empfingen. Im Landesinneren hingegen, wo sich die großen städtischen Zentren der Kolonialverwaltung befanden (Mexiko, Lima), war der andalusische Einfluss nicht so stark. Dort herrschte der höfische oder madrileñische Dialekt (insbesondere die Erhaltung der Konsonanten) vor. Das liegt daran, dass viele Kolonisten in Verwaltung und Bildung vom königlichen Hof in Madrid und nicht aus Andalusien kamen.

Auch auf lexikalischer Ebene (also in der Verwendung bestimmter Worte) finden sich Abweichungen. Während man in Spanien mit seinem teléfono móvil („Mobiltelefon“) telefoniert, spricht man in Kolumbien in sein celular. Der Computer heißt in Spanien ordenador und in Argentinien computadora. Durch die räumliche Nähe zu den englischsprachigen USA finden sich besonders in Mexiko, Zentralamerika und der Karibik auch viele Anglizismen. Von großer Bedeutung ist ebenso der Einfluss verschiedener indigener Sprachen Lateinamerikas. Einzelne Wörter haben sich sowohl in Lateinamerika als auch in Spanien durchgesetzt. Diese sind beispielsweise cacao (Kakao), tomate (Tomate), cacahuete (Erdnuss), chicle (Kaugummi) oder hamaca (Hängematte).

Fachübersetzungen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die meisten Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Spanisch gesprochener Natur sind. In der Schriftsprache sind sie häufig nicht direkt bemerkbar. Missverständnisse dürfte es also vor allem im direkten Alltagsgespräch geben, nicht bei der professionellen und/oder schriftlichen Kommunikation. Außerdem sind die Unterschiede in den meisten Fällen so gering, dass ein europäisches Spanisch für einen Lateinamerikaner trotzdem problemlos verständlich ist, sowohl geschrieben als auch gesprochen. Das gleiche gilt umgekehrt auch für einen Spanier in Mittel- oder Südamerika.

Heißt dass, dass man bei einer professionellen Übersetzung einfach irgendeine Form des Spanischen verwenden kann? Nein, denn Sprache ist immer etwas Emotionales und Identitätsstiftendes. Dabei können schon kleine Details positive oder negative Reaktionen auslösen. Deshalb ist es zum Beispiel bei der Übersetzung ausländischer Filme ins Spanische üblich, zwei Versionen anzubieten: español latino und español de España.

Fachübersetzung emotionaler Texte

Eine landessprachliche Übersetzung ist immer sinnvoll, wenn eine bestimmte Zielgruppe gezielt angesprochen werden soll.
Das gilt besonders, wenn emotional kommuniziert wird. Beides trifft in hohem Maße auf Werbung zu. Wenn ein Online-Händler seine Kundschaft emotional erreichen möchte, sollte er sprachliche Besonderheiten des Ziellandes berücksichtigen. Dazu gehören grammatikalische, lexikalische und – falls nötig – auch phonetische Eigenheiten. So entsteht beim Kunden das Gefühl, wirklich persönlich angesprochen zu werden. Das zeigt Respekt und schafft Vertrauen.

Verwendet man stattdessen einheitliches europäisches Spanisch, kann das schnell zu Missverständnissen führen.
Gerade im Marketing ist der Imperativ problematisch, da er in Teilen Lateinamerikas als unhöflich gilt.
Die Botschaft, die beim Leser oder Hörer ankommt: „Du bist gar nicht gemeint.“

Fachübrsetzung technischer Texte

In Fachtexten oder Bedienungsanleitungen kann ein einheitliches Spanisch sinnvoll sein.Für  Lateinamerika sollte man jedoch „ustedes“ statt „vosotros“ verwenden, um kulturell passend zu kommunizieren.

Fazit

Das europäische Spanisch ist für Spanischsprecher weltweit problemlos verständlich. Eine Differenzierung zwischen español und castellano zeugt jedoch von Respekt für die kulturelle Identität und die sozialhistorischen Hintergründe des jeweiligen Landes.  Somit ist eine Unterscheidung in den meisten Fällen sehr  zu empfehlen.



 


autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

Wir erklären, wie Internationalisierung funktioniert, geben Tipps zu Übersetzungsprojekten und erläutern Technologien und Prozesse. Außerdem berichten wir über aktuelle E-Commerce-Entwicklungen und befassen uns mit Themen rund um Sprache.

 

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