Chinesisch hat den Ruf, eine der am schwersten zu erlernenden Sprachen zu sein. Allein die vielen Schriftzeichen und die ungewohnte Aussprache scheinen viele Europäer erstmal abzuschrecken. Warum Chinesisch aber eigentlich gar nicht so schwer ist, wieso es beim Chinesischen so wichtig ist, den richtigen Ton zu treffen, und welche Vorteile das Chinesische für den E-Commerce und die Übersetzung hat, wollen wir im Folgenden erläutern.

Chinesische Sprachen

Worum handelt es sich bei der chinesischen Sprache überhaupt? Zunächst sollte man differenzieren, dass man es nicht exklusiv mit einer chinesischen Sprache zu tun hat, sondern viel eher mit einer ganzen Sprachfamilie, die auf der sinotibetischen und tibetobirmanischen Sprachfamilie basiert. Betrachtet man die Tatsache, dass die Landfläche der Volksrepublik Chinas fast doppelt so groß ist, wie die aller Länder der europäischen Union zusammen, und dort ca. 1,4 Milliarden Menschen leben, ist es nicht verwunderlich, dass in China ungefähr 302 lebende Sprachen und Dialekte gesprochen werden. Die Differenzierung zwischen den chinesischen Sprachen und Dialekten ist hier je nach Definition unterschiedlich: häufig spricht man von Dialekten obwohl der Grad der Abweichung teilweise so groß ist, dass man nach westlichen Maßstäben eigentlich von verschiedenen Sprachen sprechen würde. Die Sprachwissenschaft teilt die chinesischen Sprachen in acht bis zehn Hauptgruppen, die sich jeweils wieder aus einzelnen Unterdialekten zusammensetzen.

Die am häufigsten gesprochene Sprache in China ist Mandarin. Mandarin wird von ca. 900 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen. Insgesamt sprechen es jedoch ungefähr 1.117 Millionen Menschen, die meisten davon in der Republik China, Taiwan, Malaysia, Indonesien und Singapur. Mit dieser hohen Zahl an Muttersprachlern ist Mandarin die meistgesprochene Muttersprache weltweit. Im Vergleich: Spanisch hat ca. 460 Millionen Muttersprachler und Englisch nur ca. 380 Millionen. (Trotzdem ist Englisch mit 1.132 Millionen Sprechern insgesamt noch immer die meistgesprochene Sprache der Welt, da sie vor allem als Verkehrssprache und als Lingua Franca in der Wissenschaft und Wirtschaft verwendet wird.)

Die zweitgrößten chinesischen Sprachen sind Wu und Min, die jeweils rund 75-80 Millionen Muttersprachler haben und nur in Taiwan und einzelnen Regionen Chinas gesprochen werden. Die Sprachen und Dialekte des Yue, meist auch nur Kantonesisch genannt, haben ca. 70 Millionen Sprecher und werden hauptsächlich in Hongkong, Macao und den angrenzenden chinesischen Regionen gesprochen. Sie ähnelt im Vergleich zu den anderen chinesischen Sprachen noch am ehesten dem Altchinesischen, weswegen Sprecher des Kantonesischen mehr Schwierigkeiten haben, Mandarin und andere Sprachen Chinas problemlos zu verstehen. Die Sprachen Gan, Jin, Hakka und Xiang sind weniger bekannte chinesische Sprachen, die jeweils von weniger als 50 Millionen Muttersprachlern gesprochen wird und deren Verwendung sich auf einzelne Regionen Chinas beschränkt. Diese Sprachvarietät hat zur Folge, dass sich Chinesen aus unterschiedlichen Regionen mit verschiedenen Muttersprachen nicht ohne weiteres unterhalten können.

Zu Verständigung unterhalten sich die Chinesen untereinander daher auf Hochchinesisch, die Standardvarietät des Chinesischen. Diese, meist auch nur Chinesisch genannt, ist die Amtssprache der Volksrepublik China und der Republik China (Taiwan), eine der vier Amtssprachen Singapurs und eine der sechs offiziellen UN-Sprachen ist. Diese Form des Chinesischen wird republikweit zur Verständigung in den Medien gesprochen und wird auch von den Schulkindern gelernt. Das Hochchinesische basiert auf der größten der chinesischen Sprachen, dem Mandarin, um genau zu sein auf der Aussprache des Pekinger Dialektes. Im westlichen Raum und besonders im anglophonen Raum wird die Bezeichnung Mandarin daher teilweise als Synonym für Hochchinesisch verwendet, obwohl es sich hier eigentlich um zwei verschiedene Sprachvarietäten handelt.

Auch im Ausland werden chinesische Sprachen und Dialekte gesprochen, besonders in den südostasiatischen Ländern, wie auch auf Übersee. Diese Verbreitung ist historisch auf die starke Immigration und den Handel im Süden Chinas zurückzuführen, sowie der im 19. Jahrhundert armutsbedingten Emigrationen in die Nachbarländer.

Die chinesische Schrift

Das Hochchinesische schafft zwar eine gemeinsame Basis, eine einwandfreie Kommunikation gewährleistet sie jedoch nicht. Da es viele Chinesen gibt, die die Hochsprache als Zweitsprache nach ihrer Muttersprache lernen, kann es zu starken regionalen Akzenten kommen, die die mündliche Verständigung erschweren. Umso praktischer ist es daher, dass in ganz China die gleiche Schriftsprache verwendet wird, der man nachsagt, eine 4000 Jahre alte Tradition zu haben. Wie viele Schriftzeichen es genau gibt, ist uneindeutig: in großen Wörterbüchern werden teilweise 30.000 bis 50.000 verschiedene Zeichen differenziert. Beachtet werden muss jedoch, dass viele dieser gesammelten Zeichen mittlerweile unbedeutend geworden sind. In der Schulbildung lernen Chinesen ungefähr 6.000 Schriftzeichen, von denen jedoch nur knapp die Hälfte häufig verwendet wird. Auch wenn das zunächst viel klingen mag, sind in den Schriftzeichen viele kleine Elemente eingebaut, die sie einprägsam und wiedererkennbar machen. Wenn man ca. 2000 Schriftzeichen differenzieren kann, kann man schon die meisten Bücher und Zeitungen lesen.

Heutzutage werden in China vor allem vereinfachte Schriftzeichen, auch Kurzzeichen genannt, verwendet. Diese Schriftzeichen werden im Vergleich zu den traditionellen Langzeichen mit weniger Strichen geschrieben. Vereinfachte Schriftzeichen gibt es schon seit Hunderten von Jahren, aber sie wurden erst nach der Gründung der Volksrepublik China in den 1950er Jahren im Zuge der Schriftreform offiziell als formelle Schriftzeichen zugelassen, um die Lese- und Schreibfähigkeit der Chinesen in China zu verbessern. Diese Schriftzeichen werden auch in den Mandarin-Chinesisch Kursen gelehrt und in einigen Zeitungen sowie in Untertiteln verwendet. Die Langzeichen werden weiterhin in Taiwan, Hongkong und Macau verwendet, wo die Schriftreform nicht durchgeführt wurde. Die meisten Leser können sowohl Kurz- als auch Langzeichen lesen. Wenn ein Text jedoch an eine bestimmte Zielgruppe gerichtet ist, sollte auf die regionalen Besonderheiten und Gewohnheiten geachtet werden.

In den Schriftzeichen selbst lässt sich kaum ein Hinweis auf die Aussprache des Wortes erkennen, da sie keine Lautumschrift ist wie z.B. in den uns bekannten Sprachen. Um die chinesischen Sprachen für die westliche Welt verständlicher zu machen, entwickelte China daher das pinyin-System. Basierend auf dem westlichen romanischen Alphabet wurde eine phonetische Umschreibung festgelegt, sodass zu jedem Schriftzeichen ein Pinyin, also eine Silbe und ein Ton zugeordnet wird. Chinesische Sprachen werden seit 1892 in das Pinyin-System transkribiert und werden in Wörterbüchern für gewöhnlich direkt mit dem Zeichen angegeben.

Auch wenn die Anzahl der Schriftzeichen und deren Komplexität zunächst überwältigend scheint, folgen die zusammengesetzten Wörter oft einer bestimmten Logik: unterschieden wird zwischen den „Zeichen“ (字) und „Wörtern“ (词). Während ein immer nur ein einzelnes Zeichen ist, ist ein eine Aneinanderreihung von Zeichen, die zusammen ein Wort oder eine Phrase ergeben. Die meisten im Chinesischen sind aus zwei Schriftzeichen zusammengesetzt, einige haben drei und manche sogar vier oder mehr. Diese Verbindung von Schriftzeichen ist notwendig, da viele Schriftzeichen genau gleich ausgesprochen werden. Die Silbe hàn zum Beispiel hat bei gleichbleibender Aussprache mehrere Pendants in den Schriftzeichen: „bereuen“ (憾), „die Han-Nationalität“ (汉), „Chinesisch“ (汉), „Dürre“ (旱) und „Schweiß“ (汗). Durch die Zusammensetzung von Schriftzeichen lassen sich auch besonders Fremdwörter gut ausdrücken, bei denen im Deutschen auf ein Wort lateinischen oder griechischen Ursprungs zurückgegriffen werden würde. Das Wort „Grammatik“ ist im Chinesischen z.B. eine Zusammensetzung der Schriftzeichen für „Sprache“ und „Gesetz“: 语法 (yǔ fǎ).

Ein Schriftzeichen setzt sich in 80% der Fälle aus zwei Bestandteilen, auch Radikale (Wurzeln) genannt, zusammen: dem Semantikum, das einen Hinweis auf das Bedeutungsfeld gibt und dem Phonetikum, das für geübte Augen einen Hinweis auf die Aussprache vermittelt. Das Semantikum ist zu vergleichen mit den in den deutschen verwendeten Vorsilben, z.B. „Psych“ oder „Astro-“. Wenn in einem Wort also das Schriftzeichen 木 (=„Baum“ oder „Holz“) vorkommt, übernimmt es die bedeutungsweisende Funktion ein und vermittelt den Zusammenhang zu einer Pflanze oder etwas Organischem. Auch Bewegungen lassen sich in den Schriftzeichen erkennen: das Radikal 扌ähnelt dem Schriftzeichen für „Hand“, 手 (shǒu) und visualisiert eine Bewegung mit der Hand. Es findet sich daher häufig in Verben, in denen eine Handbewegung vorkommt: () heißt „schlagen“, () heißt „hochheben“ und  (rēng) bedeutet „werfen“.

Besonderheiten der Aussprache

Genauso wie für uns Grammatik, Rechtschreibung und Ausspracheregeln wesentliche Bestandteile unserer Sprache sind, gibt es im Chinesischen eine weitere Ebene: die Tonlage. Beim Chinesischen handelt es sich nämlich um eine tonale Sprache, das heißt, dass die Veränderung der Tonlage die Veränderung der Bedeutung mit sich bringt. Wenn man also Chinesisch spricht, darf man einen Satz nicht nach persönlichen Sprechgewohnheiten aussprechen, sondern muss jede Silbe darin in ihrem richtigen Ton sagen. Eine Silbe kann einen der vier Töne haben, oder auch tonlos sein. Die Veränderung des Tons ist dabei immer gleichbedeutend mit der Veränderung der Aussage. Zu vergleichen ist diese Funktion in etwa mit der ansteigenden Tonhöhe am Ende einer Frage. Im Gesprochen wird der Aussagesatz „Du kannst kein Chinesisch“ nur durch die in der letzten Silbe vorkommenden Verlagerung des Tons nach oben zu einer Frage „Du kannst kein Chinesisch?“.

Es gibt insgesamt vier Töne, die im pinyin durch verschiedene Zeichen auf dem Vokal angedeutet werden. Der erste Ton ist ein hoher, konstanter Ton, der mehr gesungen als gesprochen wird: (=Mutter). Der zweite Ton ist ein steigender Ton, der von der unteren bis mittleren in die hohe Tonlage wechselt, zu vergleichen mit der Intonation einer Frage im Deutschen, z.B. „Wie?“: (=Hanf). Der dritte Ton ist ein zunächst sinkender und dann wieder steigender Ton: (=Pferd). Bei dem vierten Ton handelt es sich um einen scharf nach unten fallendem Ton, vergleichbar mit dem deutschen Befehlston „Lauf!“: (=schimpfen). Die Bedeutung der Tonlage sollte nicht unterschätzt werden, da die falsche Aussprache einer Silbe einen großen Bedeutungsunterschied mit sich bringen kann: „Schnitzel“ (zhū pái) kann leicht zu „Trumpf“ (zhǔ pái) werden und „Plan“ (dǎ suàn) verwandelt sich ungewollt in „Knoblauch“ (dà suàn). Während im Hochchinesischen zwischen vier Tönen unterschieden wird, gibt es im Kantonesischen sogar neun verschiedene Töne.

Chinesisch im Vergleich

Schaut man sich nun das Hochchinesische im Vergleich an, ist es grammatikalisch gesehen gar nicht schwerer als jede andere Sprache. Ganz im Gegenteil, das Fehlen von Zeitformen, grammatikalischen Geschlechtern und Pluralbildung macht das Chinesische als Fremdsprache attraktiv. Um sich zu verstehen ist es daher umso wichtiger, die Aussage in einen Kontext zu setzen. Statt wie im Deutschen verschiedene Zeitformen zu verwenden, werden im Chinesischen zusätzliche Wörter verwendet, um die Vergangenheits- und Zukunftsformen zu verdeutlichen, wie z.B. „früher“ oder „bereits“. Diese Wörter werden normalerweise an den Anfang der Phrase gesetzt, um die Zeit zu kennzeichnen. Das Gleiche wird auch gemacht, um zu kennzeichnen, welche Person eine Handlung ausübt: zum unveränderlichen Verb tritt einfach ein entsprechender Partikel. Auch bei Substantiven passiert das: aus („ich“) und („du“) wird einfach wǒmen („wir“) und nǐmen („ihr“).

Betrachtet man im Vergleich Deutsch mit seinen Deklinationen, Konjugationen, Rechtschreibung und vielen Zeitformen ist es nicht weniger komplex als Chinesisch, nur eben auf eine andere Art und Weise. Besonders das ungewohnte Schriftzeichensystem bedeutet für einen Europäer zunächst einen großen Lernaufwand, gesprochenes Chinesisch ist hingegen für deutsche Muttersprachler nicht schwerer zu erlernen als eine romanische oder slawische Fremdsprache. Dies beweisen die ca. hunderttausend Menschen, die weltweit außerhalb Chinas Mandarin lernen und in nur wenigen Monaten große Fortschritte erreichen.

Die großen Unterschiede zwischen den chinesischen und einer europäischen Sprache, z.B. Englisch, machen aber nicht nur dem Chinesisch lernenden Engländer, sondern auch andersrum, dem Englisch lernenden Chinesen zu schaffen. Gemäß des English Proficiency Test, einer internationalen Studie zur Ermittlung der Englischkenntnisse als Fremdsprache, liegt China nämlich nur auf dem 49. Platz und hat damit mittlere Englischkenntnisse. Auch wenn in China Englisch bereits ab dem Kindergarten auf dem Programm steht, spricht nur ca. 1% der Chinesen fließend Englisch. Die Sprachkenntnisse verbessern sich aber je nach Region und sind vor allem in den großen Städten Hongkong, Peking und Shanghai besser als in den ruralen Gegenden.

Wenn man versucht, den chinesischen Markt mit Englisch zu erreichen, kommt man also tatsächlich nicht sehr weit. Um seine Ware erfolgreich auf dem chinesischen Markt verkaufen zu können, ist die Übersetzung ins Hochchinesische daher ein Muss, da man so Menschen in der Volksrepublik China, Taiwan und auch Singapur erreichen kann. Tatsächlich ist die Übersetzung ins Chinesische auch verpflichtend, wenn man Waren und Produkte in China verkaufen möchte. Da alle chinesischen Sprachen die gleiche Schriftsprache benutzen, ist Chinesisch für den Übersetzer eine angenehme Sprache, da lediglich die jeweilige regionale Gewohnheit der Kurz- und Langzeichen beachtet werden sollte – ansonsten kann einheitlich übersetzt werden. Wer seine Ware in China verkaufen möchte, dem stellen sich aus sprachlicher Sicht also nur kleine Hindernisse in den Weg. Wichtiger ist es im kulturellen Kontext den richtigen Ton zu treffen, da dort verwendete Marketingstrategien teilweise stark vom europäischen Standard abweichen können.



Quellen

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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