Italienisch. Die Sprache der Liebe und der Leidenschaft. Der Musik und der Kultur. Neben gutem Essen, Kunst und Mode gehört auch die italienische Sprache zu den Elementen, die das Leben in Italien prägen – und das Land und seine Menschen verbinden. Wir nehmen Sie mit auf eine Reise durch die italienischen Sprachvarianten, und erzählen Ihnen alles, was Sie über die italienische Sprache schon immer wissen wollten. Iniziamo!

Eckdaten über die Standardsprache Italienisch: Entstehung, Verbreitung

Im Laufe ihrer jahrtausendelangen Geschichte wurde die italienische Halbinsel von vielen verschiedenen Völkern durchquert, die ihre Kultur und Sprache nach Italien brachten – schon lange bevor Italien als Einheitsstaat existierte. Die Vollendung der Einheit Italiens geschah erst Ende der 1870er Jahre. Eine nationale Sprache, die von allen Italienerinnen und Italienern gesprochen wurde, gab es aber noch nicht. Prägnant brachte dies der italienische Schriftsteller und Politiker Massimo D’Azeglio 1861 mit einem berühmten Aphorismus zum Ausdruck: „Italien ist gemacht. Was zu machen bleibt, sind die Italiener“.

Zu behaupten, die italienische Sprache habe es zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben, wäre aber unrichtig. Eine Standardsprache gab es – schließlich wurde der bekannte Roman Alessandro Manzonis Die Verlobten, der um das Jahr 1840 in der Endfassung erschien und noch heute an allen italienischen Schulen Unterrichtsgegenstand ist, in italienischer Sprache geschrieben. Aber die italienische Standardsprache wurde nur von knapp über 2 Mio. Italienerinnen und Italienern gesprochen, das heißt rund 10 % der damaligen Bevölkerung. Die überwiegende Mehrheit konnte sich nur im eigenen Dialekt verständigen – meistens nur mündlich. Dabei handelte es sich oft nicht um Varianten einer gemeinsamen italienischen Sprache, sondern um eigenständige Sprachen mit einer eigenen Grammatik und einem eigenen Wortschatz, die teilweise sehr von der Standardsprache abw(e)ichen, wie etwa im Falle des Neapolitanischen, des Sizilianischen, des Friaulischen oder des Sardischen. Heute sind diese Sprachen anerkannte regionale Sprachen, die einen offiziellen Status genießen und neben der italienischen Sprache existieren. Dazu aber später mehr.

Die italienische Sprache, wie es sie zu Zeiten Manzonis gab, war im Grunde mit der Sprache gleichzusetzen, die in der Kulturstadt Florenz gesprochen wurde und sich aus der toskanischen Literatursprache des 14. Jahrhunderts, der Sprache Dantes Göttlicher Komödie, herleitete. Darauf aufbauend entwickelte sich die italienische Sprache, wie wir sie heute kennen. Ein wichtiger Beitrag zu ihrer Verbreitung – und damit zur Schaffung einer nationalen Sprache und Kultur – leisteten in der Nachkriegszeit die Massenmedien, insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk Rai. Dieser sendete Bildungsprogramme von seinen Fernsehstudios in Turin und Rom, die an ein Publikum von Erwachsenen gerichtet waren und darauf abzielten, einer zum großen Teil noch analphabeten Bevölkerung das Lesen und Schreiben in italienischer Sprache beizubringen.

Heute zählt die italienische Sprache 67 Mio. Sprecherinnen und Sprecher in 26 Ländern und ist damit die 23. meistgesprochene Sprache weltweit. In Italien wird sie von 90,4 % der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen: 45,9 % der Italienerinnen und Italiener über 6 Jahre (26,3 Mio.) verwenden auch im Alltag die Standardsprache; 32,2 % sprechen zu Hause sowohl Italienisch als auch die eigene Sprachvariante; 14 % (8,7 Mio.) sprechen zu Hause nur den eigenen Dialekt. Die lokale Sprachvariante überwiegt vor allem unter den älteren und den bildungsfernen Bevölkerungsschichten: 32 % der Italienerinnen und Italiener über 75 Jahre und 24,8 % jener, die nur die Mittelschulreife besitzen, geben an, mit Familie und Freunden den Dialekt der Standardsprache vorzuziehen (Quelle: Istat, Nationales Institut für Statistik, 2017).

Außerhalb Italiens und dessen Enklaven San Marino und Vatikanstadt wird die italienische Sprache auch in der Schweiz, in Slowenien und Kroatien sowie in vielen Gemeinschaften in insgesamt 26 Ländern weltweit gesprochen, die von italienischen Migrantinnen und Migranten ab 1880 bis in die 1950er Jahre besiedelt wurden. Darüber hinaus genießt die italienische Sprache in der Schweiz (Tessin und Graubünden), in den slowenischen Gemeinden rund um die Stadt Koper und in der kroatischen Region Istrien an der Adriaküste neben den jeweiligen anderen Amts- und Nationalsprachen offiziellen Status.

Italienisch als plurizentrische Sprache: Italien vs. Schweiz

Wie etwa das Englische und andere Nationalsprachen in Europa (vgl. Französisch, Spanisch, Portugiesisch u. a.) ist Deutsch eine plurizentrische Sprache. Das heißt, dass es vom Deutschen mehrere Standardvarianten gibt. Somit unterscheidet sich beispielsweise das Bundesdeutsche von der deutschen Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Südtirol in Bezug auf Rechtschreibung und Wortschatz. Auch Italienisch ist eine plurizentrische Sprache, obwohl es vom Italienischen nicht so viele Standardvarianten gibt, wie vom Englischen und Deutschen.

In der Tat lassen sich die größten Divergenzen feststellen, wenn man das italienische Italienisch und das schweizerische Italienisch vergleichend gegenüberstellt. Diese betreffen bei der geschriebenen Standardsprache beinahe ausschließlich den Wortschatz, während die italienische und die schweizerische Variante im Hinblick auf die Rechtschreibung keine Unterschiede aufweisen. Vor allem werden in Tessin im institutionellen Kontext andere Wörter verwendet als in Italien, da es sich um zwei Länder mit zwei verschiedenen Staatsformen handelt. In der Schweiz sind aber auch Begriffe geläufig, die in Italien eine Entsprechung haben, und dennoch anders genannt werden, was oft für Verwirrung sorgt. So nennt sich das Handy in Italien cellulare, in der Schweiz natel. Und Schulnoten nennen sich in Italien voti, in der Schweiz note. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Warum die Schweizer manche Dinge anders nennen als die Italiener, liegt an dem Kontakt (Interferenz) zu den anderen Sprachen der Eidgenossenschaft, vor allem zum Französischen und Schweizerdeutschen. In der Schweizer Alltagssprache kommen durch den Sprachkontakt auch Redewendungen vor, die nach italienischem Sprachgefühl ungewöhnlich oder gar falsch klingen: gut aussehen heißt in Tessin guardare fuori bene, in Italien avere un bell’aspetto. Der Schweizer Ausdruck ist eine Lehnübersetzung aus dem Deutschen.

8,8 % der Schweizer Bevölkerung spricht Italienisch als Muttersprache, 33,7 % spricht es als Zweit- oder Fremdsprache. Das italienischsprachige Zielpublikum in der Schweiz ist somit groß. Werbetexte, die für den italienischsprachigen Markt in der Schweiz bestimmt sind, sollten deshalb diese sprachlichen Unterschiede im Hinblick auf eine gezielte Kommunikationsstrategie berücksichtigen. Es gibt über die Sprache hinaus weitere Aspekte, die eine landesspezifische Übersetzung (Lokalisierung) von Marketingtexten erforderlich machen, die sich in erster Linie aus der Tatsache ergeben, dass in der Schweiz andere Vorschriften gelten und eine andere Währung als in Italien und Deutschland verwendet wird. Bei rein informativen Texten, wie beispielsweise Fachtexten und Bedienungsanleitungen, ist eine Berücksichtigung der Schweizer Sprachgepflogenheiten meistens nicht erforderlich.

Diglossie vs. Zweisprachigkeit, Dialekte vs. regionale Sprachen

Auch wenn heute der Großteil der italienischen Bevölkerung die Standardsprache mit hoher Kompetenz gebraucht und sie oft auch im privaten Umfeld der lokalen Variante vorzieht, ist der Dialekt in Italien lange noch nicht ausgestorben. Und es ist gut so, denn die vielen Dialekte tragen zur Vielfalt der italienischen Sprache bei und sind Ausdruck der Kultur des Landes. Manchmal gibt es für alte Rezepte oder Traditionen, die aus ländlichen Gegenden Italiens stammen, den standardsprachlichen Begriff einfach nicht. Da müssen Italiener gezwungenermaßen auf den Dialekt zurückgreifen. Was auch bedeutet, dass sie sowohl die Standardsprache als auch die eigene lokale Variante kompetent und kontextspezifisch verwenden können. Da aber nur wenige Varianten den Status einer eigenständigen bzw. offiziellen Sprache haben, spricht man oft von einer Situation der Diglossie. Von Zweisprachigkeit spricht man, wenn die zwei Sprachen denselben Status haben und somit den gleichen Funktionen nachkommen, im privaten Umfeld wie auch in der Öffentlichkeit. Dies ist in Italien etwa in den autonomen Regionen Südtirol (Italienisch/Deutsch/Ladinisch), Aostatal (Italienisch/Französisch) und Friaul-Julisch Venetien (Italienisch/Slowenisch) der Fall, wo die jeweils andere, nichtitalienische Sprache den Status einer Amtssprache hat und neben dem Italienischen existiert.

Wenn sich italienische Muttersprachler auf die lokale Sprachvariante beziehen, die sie neben der Standardsprache beherrschen, sprechen sie meistens undifferenziert von einem Dialekt, ohne zu spezifizieren, ob es sich dabei um einen Dialekt des Italienischen im eigentlichen Sinn oder um eine regionale Sprache bzw. um eine Variante einer regionalen Sprache handelt. Wie schon erwähnt, entwickelte sich die italienische Standardsprache, die wir heute kennen, aus der toskanischen Literatursprache des 19. Jahrhunderts. Als Dialekte des Italienischen sind demnach nur jene Varianten anzusehen, die in Mittelitalien (Toskana, Latium, Umbrien, Marken) gesprochen werden. Im Süden sind das Neapolitanische, das in seinen Varianten in der Region Kampanien, in den Abruzzen, in Apulien und in der Basilikata gesprochen wird, wie auch das Sizilianische und das Sardische eigenständige Sprachen mit einer eigenen Grammatik und einem eigenen Wortschatz, die unabhängig von der toskanischen Literatursprache, aus der sich das Italienische herleitet, hervorgingen. Im Norden sind das Piemontesische, das Ligurische, das Lombardische, das Emilianische, das Venetische und das Friaulische ebenfalls eigenständige Sprachen mit lokalen Varianten.

Sprachvarianten vs. Standardsprache: Status, Verwendung

Die Mehrheit der Dialekte des Italienischen und der regionalen Sprachen, die in ihren Varianten in Italien gesprochen werden, haben keinen offiziellen Status. Je nach sozialen und individuellen Faktoren variiert das Ausmaß ihrer Verwendung, allerdings ist diese auf die mündliche Kommunikation im privaten Umfeld beschränkt. Auch in jenen Regionen Italiens, die eine besondere Autonomie gegenüber dem italienischen Staat genießen, wo die jeweilige (italienische) regionale Sprache als Kulturgut anerkannt, geschützt und gefördert wird, etwa in Friaul-Julisch Venetien, Sizilien und Sardinien. Insofern können fremdsprachliche Inhalte, die etwa zu Werbe- oder Informationszwecken auf den italienischen Markt gebracht werden, problemlos in die Standardsprache übersetzt werden. Texte, die den italienischen Rechtsvorschriften entsprechen müssen, wie etwa Verträge oder Konformitätserklärungen von Waren und Produkten, müssen jedenfalls in die italienische Standardsprache übersetzt werden, die „die amtliche Staatssprache ist“ (vgl. Südtiroler Autonomiestatut, Art. 99).

Sprachvarianten als Kulturträger

Auch, wenn sie keine Amtssprachen sind und somit in der Öffentlichkeit der Standardsprache unterstellt sind, erfüllen die Dialekte des Italienischen und die regionalen Sprachen, die in Italien in ihren Varianten gesprochen werden, eine wichtige Funktion als Träger der Kultur der verschiedenen Regionen Italiens – auch über die Grenzen Italiens hinaus.

Da sie noch lange vor der Standardsprache entstanden, besitzen regionale Sprachen wie etwa das Neapolitanische und das Sizilianische eine uralte literarische Tradition, die heute als Kulturgut geschätzt und geschützt wird (vgl. sizilianische Dichterschule). Auch Musik- und Theaterwerke in regionalen Sprachen haben in Italien eine lange Tradition. Ein Beispiel sind hier die berühmten Komödien Carlo Goldonis in venezianischer Sprache.

Heute kommen Dialekte und regionale Sprachen vor allem in der gegenwärtigen Filmproduktion vor. Internationalem Erfolg erfreuten sich etwa die Verfilmungen aus den Romanen Roberto Savianos Gomorrha und Elena Ferrantes Meine geniale Freundin, die in Neapel spielen, und die Fernsehserie in römischem Dialekt Strappare lungo i bordi von Comiczeichner Zerocalcare.

Ein komplexes Sprachuniversum

Aus dem bisher Gesagten lässt sich zusammenfassend die folgende Schlussfolgerung ziehen: Das italienische Sprachuniversum ist komplex. Italienisch ist eine plurizentrische Sprache, die zwei Standardvarianten hat: die italienische und die schweizerische. Aufgrund der Sprachkontakts zum Französischen und Schweizerdeutschen unterscheidet sich die schweizerische Variante von der Italienischen Standardsprache. Die Unterschiede betreffen ausschließlich den Wortschatz, sind teilweise aber so erheblich, dass sie für Verwirrung sorgen und für eine sichere Kommunikation oft eine landessprachliche Übersetzung erforderlich machen. Innerhalb Italiens gibt es so viele Dialekte, wie es Städte gibt. Um genauer zu sein, handelt es sich bei vielen allerdings um Varianten der verschiedenen regionalen Sprachen, die in Italien gesprochen werden, die noch ältere Wurzeln als die heutige Standardsprache haben. Dennoch ist ihre Verwendung auf die gesprochene Sprache im privaten Umfeld beschränkt, weshalb hier nicht von einer richtigen Zweisprachigkeit, sondern von Diglossie die Rede ist. Im Norden wie im Süden des Landes ist Italienisch die amtliche Staatssprache, weshalb fremdsprachliche Inhalte, die Waren und Produkte auf dem italienischen Markt bewerben, ohne Weiteres in die Standardsprache übersetzt werden dürfen – Verträge und sonstige rechtsgültige Texte müssen sowieso auf Italienisch verfasst sein. Eine Zweisprachigkeit im eigentlichen Sinne gibt es in Italien nur in den autonomen Regionen Südtirol, Aostatal und Friaul-Julisch Venetien. Dort ist die jeweils andere, nichtitalienische Sprache dem Italienischen gleichgestellt. Darüber hinaus verfügen die meisten jungen Italienerinnen und Italiener bis 34 Jahre über Grund- bis gute Kenntnisse einer oder mehrerer Fremdsprachen: 48,1 % können Englisch, 29,5 % Französisch und 11,1 % Spanisch.

Quellen