Der Schweizer E-Commerce-Markt ist natürlich schon lange kein Geheimtipp mehr. Gleich vor der Haustür gelegen, mit einer sehr hohen Kaufkraft und ohne Sprachbarrieren erscheint die Schweiz als einer der attraktivsten Märkte für Unternehmen, die expandieren wollen. In der Tat steht die Schweiz nach der Größe des E-Commerce-Volumen auf Rang 20 weltweit. Einige Tücken, etwa in Hinsicht auf die zu entrichtenden Zölle, gibt es aber doch.

Zahlen & Fakten

Die Schweiz ist mit knapp 8,6 Millionen Einwohnern ein mittelgroßer Staat im Zentrum Europas. Der Einwohnerzahl nach ist die Schweiz damit in etwa so bevölkerungsreich wie Niedersachsen und Bremen zusammen. Mit einer Fläche von 41.285 km2 ist die Schweiz aber etwas kleiner als Niedersachsen. Daraus ergibt sich eine Bevölkerungsdichte von 208 Einwohnern pro km2, die ungefähr der Dichte von Rheinland-Pfalz entspricht.

Wie die meisten Länder in Mitteleuropa hat die Schweiz eine hohe Internet-Penetration, diese liegt nämlich bei 82%. Darüber hinaus besitzen 76,5% der Schweizer ein Smartphone, Tendenz steigend. Der E-Commerce ist dementsprechend weit entwickelt, konnte aber im Zuge der Covid-19-Pandemie noch einmal sehr stark profitieren, und wuchs im Jahr 2020 um über 28%. Damit liegt das Volumen des Schweizer E-Commerce-Marktes inzwischen bei 12 Milliarden Euro, und kommt für knapp 10% des gesamten Einzelhandels in der Schweiz auf. Auch für die nächsten Jahre ist ein stetiges Wachstum vorhergesagt, wenn auch auf einem deutlich geringeren Niveau von etwa 7 %.

Dagegen bleibt das Wachstum über mobile Endgeräte dynamisch. Während der Verkauf über Smartphones und Tablets schon 2020 einen Anteil von 43% erreicht hat, wird dieser Anteil wohl weiter steigen, denn der mobile E-Commerce soll Prognosen zufolge jährlich um 18% wachsen. Dieses Wachstum wird von einer hohen Smartphone-Penetration gestützt: 76,5% der Schweizer haben ein Smartphone, und 75% der E-Commerce-Kunden haben bereits mobil eingekauft.

Der typische Schweizer Kunde im E-Commerce verfügt dabei über ein dickes Portemonnaie: Mit knapp 1750 Euro ist die Summe, die durchschnittlich pro Person und Jahr im E-Commerce ausgegeben wird, eine der höchsten in Europa. Dabei kaufen knapp 57% der Schweizer zumindest einmal im Monat online ein, und nur 6% haben das Internet noch nie zum Einkaufen genutzt. In Anbetracht der Tatsache, dass die Schweizer Gesellschaft weiter altert, ist es auch relevant, dass auch ältere Menschen dem Internet gegenüber immer aufgeschlossener sind: Inzwischen nutzen knapp 80% der Senioren das Internet und knapp ein Drittel kauft online ein.

Traditionell ist der Schweizer E-Commerce-Markt stark auf das Ausland ausgerichtet: Das liegt insbesondere daran, dass die Preise in der Schweiz im Durchschnitt 30-40% höher sind als in den Nachbarstaaten, und dass die drei wichtigsten Sprachen jeweils einem Nachbarland entsprechen. Deshalb überrascht es nicht, dass 88% der Schweizer E-Commerce-Kunden schon im Ausland eingekauft haben; insgesamt kaufen die Schweizer dabei Waren und Dienstleistungen im Wert von knapp 1 Milliarde Euro im Jahr. Dabei ist der bei weitem beliebteste Markt der deutsche, schon 68% der Kunden haben bei Unternehmen hier in Deutschland eingekauft. Der wichtigste Grund für den Einkauf im Ausland ist dabei der Preis. Allerdings ist das Gesamtvolumen der grenzübergreifenden Transaktionen 2019 erstmals gesunken – interessanterweise ist der Gesamtwert der Produkte gleichzeitig aber gestiegen.

Das könnte als Hinweis darauf gesehen werden, dass der Preis nicht mehr der einzige ausschlaggebende Faktor für einen Kauf im Ausland ist. Dazu kommt, dass Schweizer Kunden beim Kauf aus dem Ausland Zollgebühren zahlen müssen, da die Schweiz nicht Mitglied des europäischen Wirtschaftsraums ist. Auch das verringert natürlich die Differenz zwischen inländischen und ausländischen Preisen. Allerdings gibt es auch Möglichkeiten, die Zollgebühren zu umgehen: Eine durchaus übliche Vorgehensweise ist dabei die Lieferung an Abholpunkte in grenznahen Orten in Deutschland oder Frankreich, an denen die Kunden dann ihre Produkte selbst abholen können, um sie über die Grenze zu bringen.

Was die Unternehmenslandschaft angeht, gibt es durchaus einige Schweizer E-Commerce-Unternehmen, die mit den internationalen Giganten mithalten können: Unter den umsatzstärksten Webseiten in der Schweiz finden sich neben amazon.de, eBay und Zalando auch das lokale Internet-Auktionshaus Ricardo.ch, das Online-Warenhaus Galaxus.ch und der Elektronik-Händler Digitec.ch, wobei die beiden letzteren Seiten zum selben Konzern gehören.

Lokalisierung

Die Schweiz hat vier Landessprachen, nämlich Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Während beinahe die gesamte Minderheit der rätoromanisch-sprachigen, knapp 40.000 Menschen, größtenteils auch deutsch sprechen, sollten die anderen Sprachgemeinschaften in der Schweiz entsprechend angesprochen werden: Dabei ist die deutschsprachige Gemeinschaft mit knapp 62% der Schweizer Bevölkerung die größte; während diese Gemeinschaft mündlich meist schweizerdeutsche Dialekte spricht, ist im geschriebenen das Schweizer Hochdeutsch üblich, dass besonders im Vokabular, aber auch in der Orthographie einige Unterschiede zur bundesdeutschen Variante aufweist. Die zweitgrößte Sprachgemeinschaft ist die Französische, mit einem Anteil von knapp 23% der Bevölkerung. Die frankophonen Schweizer leben dabei vor allem im Westen der Schweiz, und nutzen in der Regel Standardfranzösisch, genauso wie in Frankreich. Schließlich sprechen knapp 8% der Schweizer Italienisch, vor allem im Südosten des Landes; auch hier treten einige Variationen vom Standarditalienisch auf.

Die offizielle Währung in der Schweiz ist der Schweizer Franken (CHF), der außerdem auch in Liechtenstein als amtliche Währung gilt. Dabei unterteilt sich 1 Schweizer Franken in 100 Rappen. Als einziges deutsches Nachbarland ist die Schweiz weder Teil der EU noch des europäischen Wirtschaftsraumes.

Wie anderswo ist auch in der Schweiz der Black Friday das neben der Vorweihnachtszeit wichtigste Datum für den E-Commerce. Mit knapp 100 Millionen CHF Umsatz hat der Black Friday aber nicht dieselbe Relevanz wie etwa in den USA.

Zahlungsmethoden und Versand

Die mit Abstand am weitesten verbreitete Zahlungsmethode in der Schweiz ist per Überweisung, mit einem Anteil von knapp 56%. Grund für die große Beliebtheit von Überweisungen als Zahlungsmittel ist vor allem der entsprechende Service von PostFinance, einer zur Schweizer Post gehörigen Bank. Die zweitwichtigste Zahlungsmethode ist per Karte, mit knapp 25%. Dabei ist zu bedenken, dass jeder Schweizer durchschnittlich über 1,26 Debitkarten und 0,85 Kreditkarten verfügt. Ebenfalls relevant ist schließlich die Bezahlung über Digital Wallets, die für 16% der E-Commerce-Transaktionen aufkommt, und unter dessen Anbietern vor allem PayPal hervorzuheben ist.

Die Bevölkerung in der Schweiz ist ungleich verteilt: Das infrastrukturell sehr gut erschlossene Mittelland im Nordwesten der Schweiz kommt für mehr als zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung auf. Dort gibt es ein ausgezeichnetes Zugnetz, und viele Autobahnverbindungen. Die Infrastruktur in den Alpen, im Zentrum und Osten des Landes, ist dagegen spärlicher – allerdings ist hier auch die die Bevölkerungsdichte deutlich geringer, und im Hinblick darauf ist die Verkehrsanbindung immer noch vergleichsweise gut.

Der mit Abstand wichtigste Versanddienstleister in der Schweiz ist Die Schweizerische Post, die in der Schweiz einfach Die Post genannt wird und eine staatseigene Aktiengesellschaft ist. Knapp 75% der E-Commerce-Unternehmen gaben an, ihre Sendungen mit Die Post zu versenden. Ebenfalls präsent sind die Versandunternehmen DPD, dem 13% der Unternehmen den Vorzug geben, und DHL, mit 12%.

Branchen

Die wichtigsten Branchen auf dem E-Commerce-Markt in der Schweiz sind „Elektronik und Medien“ vor „Mode“ und, interessanterweise, „Lebensmittel“.

Fazit

Die Schweiz ist ohne Frage eine der ersten Optionen, die expansionswillige deutsche Unternehmen unter die Lupe nehmen sollten. Die hohe Kaufkraft, die geografische Nähe und das große Interesse an ausländischen Angeboten sind dafür Grund genug. Allerdings darf man ob so vieler Vorteile nicht blind für die Nachteile des Schweizer E-Commerce-Marktes sein: Allen voran die fälligen Zollgebühren und der damit verbundene Organisationsaufwand, außerdem die hohen Ansprüche an die Qualität der Produkte, die komplexe Sprachenlandschaft und der bereits bestehende, große Wettbewerb.



Quellen:

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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