Heute wollen wir uns in unserer Reihe „E-Commerce in …“ den Vereinigten Arabischen Emiraten zuwenden. Das ausgesprochen konservative Land ist immer noch sehr stark vom traditionellen Offlinehandel geprägt. Die Daten zeigen aber, dass Einzelhändler immer öfter auch online verkaufen, um ihr Angebot zu diversifizieren und ein größeres Zielpublikum anzusprechen. Der E-Commerce-Markt befindet sich deshalb in einem Aufwärtstrend, vor allem angetrieben von der Nachfrage nach Onlineeinkäufen durch eine junge, technikaffine Bevölkerung. Und auch das schnell wachsende Startup-Ökosystem im Nahen Osten zieht die Aufmerksamkeit regionaler und globaler Risikokapitalgeber auf sich. Durch Akquisitionen sind weltweit tätige E-Commerce-Giganten wie Amazon, Uber und Delivery Hero am lokalen Markt eingestiegen, um sein Wachstumspotenzial zu erschließen. Welche Merkmale, Stärken und Chancen den E-Commerce in den Vereinigten Arabischen Emiraten kennzeichnen, zeigen wir hier.

Zahlen & Fakten

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von über 420 Milliarden US-Dollar zählen die Vereinigten Arabischen Emiraten zu den reichsten Ländern der Welt. Die Föderation aus sieben Emiraten am Persischen Golf im Osten der Arabischen Halbinsel erstreckt sich über eine Fläche von 83.600 km2 und beheimatet 9,5 Millionen Menschen. Die Bevölkerung ist stark urbanisiert und konzentriert sich in den Städten an der Küste. Hier leben über 80% der Menschen im Land. Die größte Stadt ist Dubai, gefolgt von der Hauptstadt Abu Dhabi. Die zwei Städte zählen 2,1 und 1,0 Millionen Einwohner.

Amtssprache ist Arabisch. Wer gut Englisch kann und Geschäfte in den Emiraten machen möchte, ist aber in klarem Vorteil. Demographisch ist das Land nämlich durch einen hohen Anteil an Digital Natives, sprich jungen Erwachsenen im Alter zwischen 20 und 39 Jahren, gekennzeichnet, die die englische Sprache im Beruf und Alltag kompetent anwenden.

Die lokale Währung ist der Dirham (AED). Ein Dirham unterteilt sich in 100 Fils und entspricht 0,228 Euro. Nicht zu vergessen ist auch der Zeitunterschied: die Emirate liegen 3 Stunden vor Deutschland.

Konsumentinnen und Konsumenten in den Vereinigten Arabischen Emiraten gehören zu den am stärksten vernetzten der Welt, mit einer der höchsten Internet-, Smartphone- und Social-Media-Durchdringungsraten weltweit (91%, 66% und 99%). Die emiratischen Internetnutzerinnen und -nutzer, sowohl die einheimischen als auch die im Ausland lebenden (8,5 Millionen Menschen), machen 5,8% der gesamten Internetnutzerpopulation im Nahen Osten aus (der vierthöchste Wert).

Konsumentinnen und Konsumenten unter 31 Jahren stellen 64% der Bevölkerung und tätigen 73% aller Onlinetransaktionen. Von ihnen leben 60% in Dubai. Somit werden in der Stadt die meisten Onlinekäufe abgeschlossen.

Trends & Einblicke

Der emiratische E-Commerce hat eine der höchsten Wachstumsraten der letzten Jahre und ist der dynamischste Markt in der gesamten MENA-Region sowie der E-Commerce-Führer unter den GCC-Staaten. Aktuell macht der E-Commerce in den Vereinigten Arabischen Emiraten 4,2% des Einzelhandelsumsatzes aus und wird bis 2022 schätzungsweise um durchschnittlich 23% wachsen. Offlinekäufe bleiben in den Emiraten aus kulturellen und geografischen Gründen relevant. Der Markt wird jedoch immer wettbewerbsintensiver, was die bestehenden etablierten E-Commerce-Anbieter in der Region herausfordert und mehr Vorteile (und Erwartungen) für die Konsumentinnen und Konsumenten mit sich bringt.

Grenzüberschreitendes Einkaufen ist in den Emiraten äußerst beliebt: 46% der Konsumentinnen und Konsumenten geben an, auf ausländischen Websites einzukaufen. US-amerikanische Websites sind mit Abstand die meistbesuchten E-Commerce-Plattformen, gefolgt von indischen und chinesischen Websites. Souq.com, Cobone.com und Sukar.com sind die größten lokal ansässigen E-Commerce-Portale. Die Übernahme von Souq.com durch Amazon und der Start von Noon.com durch die Emaar Group im Jahr 2017 haben den emiratischen E-Commerce-Markt weiter belebt.

Das Handy gewinnt steigend an Beliebtheit, PC und Tablet hingegen werden immer seltener für Onlinekäufe benutzt. Bei den Suchmaschinen dominiert Google den Markt mit einem Anteil von 96,72%, gefolgt von Bing mit 1,48% und Yahoo mit 1,42%. Unabhängig davon, ob sie online oder im Geschäft einkaufen, werden emiratische Konsumentinnen und Konsumenten stark von ihren Onlineaktivitäten beeinflusst. Von der Recherche bis hin zum tatsächlichen Kauf spielt das Internet eine entscheidende Rolle.

Die Kreditkarte ist das beliebteste Zahlungsmittel für Onlinekäufe. Ungefähr 35% der Transaktionen in den Emiraten werden mit Kreditkarte abgeschlossen. Überwiesen wird deutlich seltener.

Mit 41% aller online verkauften Waren ist Software immer noch die beliebteste Kaufkategorie. Elektronische Geräte kommen auf Platz 2 mit 28%, gefolgt von Mode und Accessoires mit 17% und 14%.

Emiratische Konsumentinnen und Konsumenten reagieren gut auf Adaptionen der großen internationalen Shoppingevents, wie z. B. den White Friday, das lokale Pendant zum Black Friday.

Stärken & Chancen

Die E-Commerce-Landschaft der Vereinigten Arabischen Emirate ist durch ihr demografisches Profil und das hohe Einkommensniveau geprägt, mit einem hohen Anteil an Digital Natives. Millennials und Gen Z suchen bequeme Einkaufsplattformen und gelten als einflussreiche Kundenbasis für die Einführung von E-Commerce. Daher gibt es eine natürliche Nachfrage. Und da alle notwendigen Infrastrukturen, Tools und Optionen leicht zu erreichen sind, sind Konsumentinnen und Konsumenten in den Emiraten meist nur einen Klick vom Onlinekauf entfernt.

Sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite werden durch eine logistische Infrastruktur unterstützt, die mit einigen der am weitesten entwickelten E-Commerce-Märkte der Welt auf Augenhöhe ist. Darüber hinaus ziehen E-Commerce-Neugründungen weiterhin bedeutende Investitionen an, unterstützt von der Regierungspolitik, die Innovationen und eine bargeldlose Wirtschaft fördert. Dies alles führt zu einem erhöhten Verbrauchervertrauen und einem florierenden E-Commerce-Markt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der für ein bedeutendes Wachstum bereit ist.

Allerdings sind sichere Online-Zahlungsmethoden noch nicht ausgereift. Eine Online-Verbraucherschutz-Initiative, bekannt als „Digital Protection“, wurde von Dubai Economy ins Leben gerufen, um das Vertrauen der Verbraucher in elektronische Zahlungen zu stärken. Trotz eines relativen Mangels an sicheren Online-Zahlungsmethoden ist der Betrag, der pro Person pro Onlinekauf ausgegeben wird, mit 332 US-Dollar der höchste der Welt, verglichen mit 86 US-Dollar pro Kauf in den USA und 73 US-Dollar in Europa.

E-Commerce-Geschäftsmodelle genießen im Vergleich zum traditionellen stationären Einzelhandel schnellere Skalierungsmöglichkeiten, und eine wachsende Anzahl von Unternehmen in den Bereichen Einzelhandel, Lebensmittelindustrie sowie Reisen und Freizeit setzen verstärkt auf den Onlinehandel.  Einkaufszentren bleiben allerdings ein wichtiger Teil des sozialen und kulturellen Gefüges der Emirate und ziehen sowohl Einwohner als auch Touristen an. Die Einkaufszentrumskultur ist eben ein Merkmal der Vereinigten Arabischen Emirate. Hier bietet sich der E-Commerce als Möglichkeit für Einzelhändler, ihr Angebot sowohl organisch als auch durch Partnerschaften zu erweitern und somit ein größeres Zielpublikum anzusprechen.

Die COVID-19-Pandemie hat die Innovations- und digitalen Transformationspläne der Einzelhändler weiter beschleunigt. Gewiss wird der sprunghafte Anstieg der Nachfrage in der ersten Hälfte des Jahres 2020 die nächsten Jahre prägen. Schließlich haben Verbraucher und Händler in dieser Zeit ihr Konsumverhalten geändert und Vertrauen in den E-Commerce gewonnen.

In der Verbesserung der Logistik liegt ein wichtiger Einflussfaktor für das E-Commerce-Wachstum in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Einer effizienten Lieferkette kommt im Onlinehandel eine noch größere Bedeutung als im traditionellen Geschäft zu. Technische Innovationen in den Bereichen Logistik und Produktion sind unerlässlich, um das volle Potential des E-Commerce zu erschließen. So hat es zum Beispiel das Aufkommen von Last-Mile-Delivery-Optionen kleinen und mittleren E-Commerce-Anbietern ermöglicht, zu wachsen und in der Folge auch das Wachstum größerer Anbieter zu unterstützen.

Fazit

Die steigende Nachfrage durch eine junge Verbraucherbasis, die am liebsten mit ihren Smartphones shoppen möchte und aktiv nach agilen E-Commerce-Plattformen sucht, die Innovation von Vertriebsmodellen, die Finanzierung durch Risikokapital, die Nutzung verbesserter logistischer Möglichkeiten und die Politik der Regierung haben den E-Commerce-Markt in den Vereinigten Arabischen Emiraten wesentlich gefördert. Hier hat der E-Commerce, sei es im Einzelhandel, bei Dienstleistungen, im Zahlungsverkehr oder bei Regierungs- und Bildungsplattformen, großen Raum für Wachstum. Die COVID-19-Pandemie mag ein Beschleuniger dieser Entwicklung gewesen sein, aber die Emirate sind reif für einen ernsthaften Anstieg in den E-Commerce. Dies stellt eine Chance für Verbraucher, Unternehmen und Investoren gleichermaßen dar.



Quellen

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

Wir erklären, wie Internationalisierung funktioniert, geben Tipps zu Übersetzungsprojekten und erläutern Technologien und Prozesse. Außerdem berichten wir über aktuelle E-Commerce-Entwicklungen und befassen uns mit Themen rund um Sprache.