Wenn Sie schonmal durch Skandinavien gereist sind, dann wird Ihnen schnell aufgefallen sein, dass sich die Sprachen von einem Land zum nächsten sehr ähneln. Die Frage „Hallo, wie heißt du?“ scheint nämlich sowohl im Schwedischen („Hej, vad heter du?“), im Norwegischen („Hei, hva heter du?“) und im Dänischen („Hej, hvad hedder du?“), zumindest im Geschrieben, fast die gleiche zu sein. Einige Linguisten gehen sogar so weit zu sagen, es gäbe nur eine skandinavische Sprache und Schwedisch, Norwegisch und Dänisch sind viel mehr Dialekte derselben. Woher diese Überlegung rührt, und ob sie akkurat ist, welche Sprachen noch in Skandinavien gesprochen werden und welche Unterschiede es zwischen diesen, sowohl im Geschriebenen, als auch im Gesprochenen, gibt, wird im Folgenden erläutert.

Schwedisch, Norwegisch und Dänisch sind nordgermanische Sprachen, umgangssprachlich oft auch nur skandinavische Sprachen genannt, die auf dem Altnordischen, der Wikingersprache, basieren. In der Wikingerzeit wurde in Skandinavien eine Vielzahl von altnordischen Dialekten gesprochen, die sich im Laufe der Zeit in zwei zu differenzierenden Sprachzweige aufgeteilt haben und heutzutage von insgesamt ca. 20 Millionen Menschen gesprochen wird: die ostnordischen Sprachen des Festlands Schwedisch, Norwegisch und Dänisch, und die weniger bekannten westnordischen Inselsprachen Isländisch und Färöisch.

Währenddessen sich die Sprachen auf dem Festland vom Altnordischen weg, sowie stark zueinander entwickelt haben, klingen die auf den Inseln gesprochenen Sprachen auch noch heute am Ehesten wie das Altnordische, das damals zur Wikingerzeit gesprochen wurde. Daher ist eine Verständigung zwischen einem Isländer und einem Schweden deutlich schwieriger als zwischen einem Schweden und einem Norweger.

Schwedisch

Die schwedische Sprache ist mit rund 10,5 Millionen Sprechern die größte der skandinavischen Sprachen. 90% dieser Sprecher befinden sich in Schweden, die anderen verteilen sich auf die Nachbarländer Norwegen, Dänemark und vor allem Finnland. 5,5% der finnischen Bevölkerungen sind sogenannte FinnlandschwedInnen. Finnen, die in Finnland leben, deren Muttersprache jedoch Schwedisch ist. Durch die engen Beziehungen der beiden Länder ist Schwedisch zweite Amtssprache in Finnland und alle Kinder dort lernen Schwedisch in der Schule. Auch wenn Finnland zwar geographisch, und meist auch kulturell und politisch, zu Skandinavien gezählt wird, handelt es sich beim Finnischen um keine nordgermanische Sprache, nicht einmal eine indo-europäische. Das der finnougrischen Sprachfamilie zugehörige Finnisch ist deutlich komplexer im Vergleich zum Schwedischen, was allein schon an den 15 verschiedenen Fällen erkennbar ist.

Schwedisch hingegen ist deutlich einfacher aufgebaut. Im Schwedischen gibt es nämlich weder Konjugationen noch Deklinationen, was bedeutet, dass zum Beispiel die Verbform für jede Person gleichbleibt. Statt wie im Deutschen im Satz „Ich komme aus Stockholm und mein Mann kommt aus Göteborg“ das Verb zu konjugieren, bleibt es im Schwedischen gleich: „Jag kommer från Stockholm och min man kommer från Göteborg“. Für einen Deutschen kann auch vor allem das Vokabellernen einfach sein, da durch die historischen Einflüsse der deutschen Hanse auf Schweden die schwedische Sprache stark vom Deutschen geprägt wurde: das schwedische „under“ ist das deutsche „unter“ und „kommer“ heißt „kommen“. Schwieriger wird es hingegen die Aussprache korrekt zu beherrschen, da diese stark von der Schreibweise der Wörter abweichen kann. Ein Beispiel: Das „K“ wird in der Aussprache häufig „aufgeweicht“ und ähnelt dann dem Deutschen sch-Laut, z.B. bei den von IKEA bekannten Fleischbällchen „köttbullar“.

Gut ist es daher, dass die Schweden sehr gut Englisch sprechen. Laut dem English Proficiency Index, einer internationalen Studie zur Ermittlung der Englischkenntnisse als Fremdsprache, liegt Schweden auf Platz 8 und ist somit eines der Länder mit den besten Englischkenntnissen. Diese sind zum einen der Gemeinsamkeit der beiden Sprache als germanische geschuldet, und zum anderen der dauernden Präsenz des Englischen in Schweden. Ausländische Filme und Serien werden z.B. für das Fernsehen und das Kino nicht synchronisiert, sondern nur mit Untertiteln ausgestattet.

Norwegisch

Im an Schweden angrenzenden Norwegen, wird Norwegisch gesprochen, eine Sprache die ungefähr 4,3 Millionen Menschen als ihre Muttersprache bezeichnen. Bis ungefähr 1200 wurden in Norwegen viele verschiedene altnordische Dialekte gesprochen, deren Vereinheitlichung wegen der zerklüfteten Beschaffenheit des Landes, und der damit einhergehenden Isolierung verschiedener Regionen durch Berge oder Flüsse, erschwert wurde. Die gesprochenen Dialekte haben sich mit der Zeit vereinfacht, geschrieben wurde jedoch noch lange im Standard-Altnordisch. Der mit der Reformation einhergehende Buchdruck, der in vielen Sprachen zu einer einheitlichen Schriftsprache beigetragen hat, hatte diesen Effekt leider nicht auf das Norwegische, da durch die damalige Zugehörigkeit zu Dänemark die Bibel in Norwegen auf Dänisch abgedruckt wurde, wodurch sich Dänisch als Schriftsprache etabliert hat.

Im Laufe der Zeit haben sich vier Standardvarietäten des Norwegischen herausgebildet, von denen zwei offiziellen Status haben: Bokmål (übersetzt Buchsprache), und Nynorsk (Neunorwegisch). Erstere ist vor allem im Osten Norwegens rund um Oslo verbreitet und wird von ca. 85-90 Prozent der NorwegerInnen gesprochen. Wie die Übersetzung schon andeuten lässt, handelt es sich hierbei um eine Variante des Dänischen, der damalig verwendeten Schrift- und Buchsprache. Mit der Trennung Norwegens vom dänischen Königreich 1814 forderten viele Norweger eine eigene Schriftsprache, die sich an den altnordischen Dialekten orientieren sollte. Um dies zu erreichen, hat der Dialektologe Ivar Aasen die verschiedenen Dialekte Norwegens miteinander verglichen und deren Gemeinsamkeiten herausgesucht und so eine Idealform der altnordischen Dialekte, das Nynorsk, zu schaffen. Diese Varietät wurde in Wörterbüchern und Grammatiken veröffentlicht und schließlich 1885 neben Bokmål als zweite Amtssprache anerkannt.

Auch wenn sich Bokmål und Nynorsk in den vergangenen Jahren verändert und angenähert haben, gibt es noch immer keine allgemein festgelegte norwegische Einheitssprache. Gesprochen wird immer der lokale Dialekt, und welche der beiden Amtssprachen im Geschrieben verwendet wird, entscheidet die Gemeinde. In den Schulen wird dann in der ersten Amtssprache unterrichtet, die zweite wird jedoch auch gelehrt. Wenn Norwegisch als Fremdsprache erlernt wird, dann handelt es sich meist um Bokmål, da dies die Variante ist, die von den meisten Sprechern und auch in der Hauptstadt verwendet wird.

Im Norwegischen gibt es keine offiziell festgelegten Regeln der Aussprache, weshalb es meist einfacher ist sich als Nicht-Muttersprachler an dem Schriftbild des Bokmål zu orientieren. Im Norwegischen gibt es einige spezifische Vokale: „Ø,ø“ (ähnlich dem deutschen ö), „Å, å“  (ähnlich einem deutschen langen o), und „Æ, æ“ (ähnlich dem deutschen ä). Diese Vokale finden sich zum Beispiel auch alle im Dänischen wieder. Das „r“ wird meist gerollt, das „s“ ist normalerweise immer stimmlos, das „o“ wird als u-Laut ausgesprochen und das „y“ wie das deutsche „ü“. Auf grammatikalischer Ebene auch interessant ist es, dass es im Bokmål nur zwei Genera, also grammatikalische Geschlechter, gibt. Das sogenannte „Utrum“ schließt das Maskulinum und das Femininum zu einem männlich-weiblichen Geschlecht zusammen und unterscheidet nur vom Neutrum, das sächliche Geschlecht.

Um sich mit Norwegern zu verständigen, kann man sonst auch immer auf das Englische zurückgreifen. Gemäß des English Proficiency Index liegt Norwegen nämlich sogar über Schweden, auf Platz 5 und gehört damit zu den Ländern, in denen am besten Englisch gesprochen wird. Wie in Schweden werden auch dort Filme und Serien nicht synchronisiert und auch Computerspiele stehen meist nur auf Englisch zur Verfügung. Außerdem wird Englisch teilweise bereits im Kindergarten und in der Grundschule gelehrt, sodass Kinder von Klein auf mit der Sprache in Berührung kommen.

Dänisch

Die dänische Sprache wird von 5,3 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen, deren meisten Sprecher sich in Dänemark und den Faröern, deren Inseln politisch zum Königreich Dänemark gehören, befinden. Anerkannte Minderheiten- und Regionalsprache ist Dänisch zudem in Grönland und dem an Dänemark angrenzenden deutschen Südschleswig. Genau wie in Norwegen variiert die Sprache innerhalb Dänemarks und es gibt eine Vielzahl von Dialekten. In Westjütland ist das Dänische eher vom Englischen und Schwedischen beeinflusst, in Südjütland hingegen vom Deutschen.

Oft wird den Dänen, besonders von den Schweden und Norwegern, vorgeworfen, sie haben eine sehr undeutliche Aussprache. Wenn es um die dänische Sprache geht, hört man von den Nachbarn gerne Aussagen wie „Es ist, als hätten sie eine heiße Kartoffel im Mund!“ oder „Stockbesoffene Norweger sprechen fehlerfrei Dänisch!“. Dies liegt daran, dass im Dänischen eine Diskrepanz zwischen geschriebener und gesprochener Sprache herrscht. Es kommt zum Beispiel zu einer Verkürzung von Wörtern, Abschwächung von Konsonanten und Verschlucken von Endungen. Viele Wörter enthalten außerdem den typisch dänischen stød, einen stoßenden, knarrenden Laut, der durch das Druckausüben auf die Stimmbänder entsteht. Der Eindruck des Nuschelns entsteht auch dadurch, dass die stimmlosen Konsonanten „p, t, k“ sich im Dänischen mit der Zeit wandelten und stimmhaft, also weicher und so zu „b, d, g“ wurde. Das „d“ wird so noch weicher als das englisch „th“ ausgesprochen. Die Grammatik ist auch wie im Schwedischen und Norwegischen weniger komplex, Substantive werden nicht mehr dekliniert und Verben nicht mehr konjugiert. Auch der Wortschatz wurde mit Lehnwörtern aus dem Niederdeutschen aufgefüllt. Im Dänischen findet man so einige Wörter, die dem Deutschen sehr ähneln, z.B. „schæfer“ (Schäferhund) oder auch „gartner“ (Gärtner).

Das geschriebene Dänisch ist durch die lange Zeit gemeinsam genutzte Schriftsprache vor allem dem Norwegischen sehr ähnlich, auch wenn es gesprochen ganz anders klingen mag. Das bereits genannte norwegische Beispiel um nach dem Namen des Gegenübers zu fragen „Hei, hva heter du?“ sieht im Geschrieben dem Dänischen ähnlich: „Hej, hvad hedder du?“ klingt aber ganz anders (ungefähr nach [Hai, whäth hi-öh du?]. Wenn man sich jedoch etwas mit den Grundregeln der dänischen Aussprache beschäftigt, wird schnell klar, dass es sich nicht um eine völlig willkürliche handelt. Generell gilt: das geschriebene „eg“ wie [ei] ausgesprochen wird, „af“ wie [au] und „øg“ wie [oi].

Gut verständigen kann man sich trotzdem gut mit den Dänen, zur Not, indem man auf eine Fremdsprache ausweicht. Viele Dänen sprechen neben Englisch nämlich auch hervorragend Deutsch. Besonders in den touristischeren Gebieten hat man keine Probleme, sich auf Deutsch zu verständigen. Auch Englisch beherrschen die Dänen hervorragend, da es die erste Fremdsprache ist, die erlernt wird. Das spiegelt sich auch in dem English Proficiency Index wieder, laut dem Dänemark über seinen beiden Nachbarn, und damit auf Platz 3 liegt. Vor Dänemark liegt nur Österreich (Platz 2) und den Niederlanden (Platz 1).

Isländisch und Färöisch

Die beiden Sprachen Isländisch und Färöisch haben sich im Gegensatz zu Schwedisch, Norwegisch und Dänisch für sich und isoliert von den anderen nordgermanischen Sprachen entwickelt. Die Sprachen auf den Inseln ähneln noch stark dem Altnordischen der Wikinger, wohingegen sich die Sprachweise auf dem Festland stark verändert, und vor allem vereinfacht hat.

Isländisch wird von ca. 310.000 Sprechern, hauptsächlich auf Island selbst, gesprochen. Vom Schriftbild her kann man das heutige Isländische mit dem Norwegischen von vor 1000 Jahren vergleichen, denn in Island nutzt man auch noch die damit verbundene Grammatik. Die Isländer verfolgen eine strenge Sprachpolitik und versuchen aus Stolz auf ihre altnordischen Wurzeln die Sprache so rein wie möglich von fremdsprachigen Einflüssen zu halten. So wird stark darauf geachtet keine Lehnwörter aus anderen Sprachen zu verwenden, sondern ein isländisches Pendant zu finden: der Computer heißt „tölva“, eine Zusammensetzung der Wörter „tala“ (Zahl) und „völva“ (Wahrsagerin) und der Fernseher heißt „sjónvarp“, eine Zusammensetzung der beiden Wörter „Sicht“ und „Wurf“.

Im Färöischen wird nicht ganz so streng auf die Reinhaltung der Sprache geachtet und Lehnwörter werden gerne genutzt. Färöisch wird von 60.000 bis 100.000 Menschen gesprochen, neben den Färöern auch in Dänemark, besonders in Kopenhagen. Das färöische Schriftbild ähnelt dem Isländischen, klingt aber anders. Die Kluft zwischen Schrift und gesprochener Sprache kann so groß sein, dass eine Verständigung für ungeübte Sprecher der beiden Sprachen eher schwierig ist.

Fazit

Die Sprachen Skandinaviens sind also deutlich komplexer als es zunächst den Anschein hat. Generell gilt, dass geschriebenes Dänisch und Norwegisch trotz Unterschieden im Vokabular fast identisch, im Klang jedoch sehr unterschiedlich sind. Norwegisch und Schwedisch hingegen sind in der Aussprache sehr ähnlich, haben jedoch im Wortschatz und der Schriftweise Unterschiede. Auch wenn sich die Sprachen gleichen, sollte man nicht den Fehler begehen, sie als Dialekte einer gleichen Sprache anzusehen, indem man z.B. bei der Wahl der Onlineshop-Sprache eine der drei repräsentativ für alle wählt. Konfliktreiche politische Ereignisse in der Vergangenheit und verschiedene Einflüsse auf die Sprachen haben dazu geführt, dass sich Schwedisch, Norwegisch und Dänisch zwar miteinander, jedoch auch unterschiedlich zueinander, entwickelt haben. Isländisch und Färöisch hingegen ähneln einander sehr, haben jedoch sehr wenig mit den auf dem Festland gesprochenen Sprachen gemeinsam. Auch wenn, oder vielleicht gerade weil, die Verwendung der skandinavischen Sprachen hauptsächlich auf Skandinavien selbst beschränkt ist, wird in Skandinavien stark der Erwerb des Englischen gefördert, wodurch man sehr gute Chancen hat die skandinavischen Kunden mit Englisch zu erreichen. Je nach Textsorte ist die Wahl des Englischen also durchaus vertretbar. Trotzdem ist es immer ratsamer, sich, besonders bei Marketingtexten, aus Respekt vor der kulturellen Identität des Landes, der Sprache und deren Sprecher für die jeweilige offiziell anerkannte Landessprache zu entscheiden und Rücksprache mit einem lokalen Sprachexperten zu halten.



Quellen

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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