Der Tag der Organspende existiert in Deutschland seit 1983 und soll jährlich am ersten Samstag im Juni das Bewusstsein für die lebensrettende Praxis der Organspende schärfen. Die zentrale Veranstaltung wechselt dabei jedes Jahr das Bundesland. 2026 findet die zentrale Veranstaltung am 6. und 7. Juni in Leipzig (Sachsen) unter dem Motto „Zeit, Zeichen zu setzen“ statt. Der Tag bietet eine Gelegenheit, sowohl Spenderinnen und Spender als auch Empfängerinnen und Empfänger zu würdigen und Menschen zu ermutigen, sich als Organspender zu registrieren. 2025 spendeten in Deutschland insgesamt 985 Menschen nach ihrem Tod Organe – 32 mehr als 2024 und zugleich der höchste Stand seit 2012. Dennoch bleibt der Bedarf an Spenderorganen weiterhin hoch. Insgesamt wurden 2025 in Deutschland mehr als 3.000 Organtransplantationen durchgeführt. Im internationalen Vergleich zeigen andere europäische Länder zudem deutlich höhere Spenderzahlen und verfolgen teilweise andere gesetzliche sowie digitale Strategien rund um Organspende und Aufklärung.
In diesem Zusammenhang wollen wir einen Blick darauf werfen, wie andere Länder mit dem Thema Organspende umgehen, mit welchen Strategien sie ihre Bevölkerung für das lebensrettende Thema gewinnen und über die digitale Erreichbarkeit der Organisationen informieren.
Organspende in Deutschland
Deutschland begeht 2026 bereits zum vierundvierzigsten Mal den Tag der Organspende, um über Organspende und -transplantation zu informieren. Deutschland zählt im europäischen Vergleich weiterhin zu den Ländern mit vergleichsweise niedrigen Organspendezahlen und profitiert im Eurotransplant-Verbund von Spenden anderer Mitgliedsländer. Dies liegt mitunter an der eingeschränkten Möglichkeit, Organe ausschließlich nach Eintreten des Hirntods zur Transplantation freizugeben. Aufgrund rechtlicher und medizinischer Bedenken ist die Entnahme von Organen bei Eintreten des Herzstillstands im Gegensatz zu anderen Ländern nicht erlaubt. Entscheidet man sich für eine Organspende, so muss die Zustimmung hierzulande aktiv erfolgen.
Digitalisierung und Zugänglichkeit bei der Organspende
Seit März 2024 steht in Deutschland ein digitales Organspende-Register zur Verfügung, das über die offizielle Website organspende-info.de erreichbar ist. Dort können Bürgerinnen und Bürger ihre Entscheidung zur Organ- und Gewebespende online dokumentieren. Bis Mai 2026 wurden bereits über 555.000 Eintragungen im Register erfasst. Parallel wurde die digitale Infrastruktur schrittweise erweitert: Bis Juli 2024 wurden alle Entnahmekrankenhäuser an das Register angebunden, im September folgte die Integration in die Apps der Krankenkassen. Seit Januar 2025 sind zudem auch Gewebeeinrichtungen an das System angeschlossen. Dadurch können Entscheidungen im Ernstfall schneller und rechtssicher abgefragt werden – ein wichtiger Faktor, da zwischen Organentnahme und Transplantation oft nur wenige Stunden liegen. Aktuell ist die Plattform neben Deutsch auch in deutscher Gebärdensprache sowie in Leichter Sprache verfügbar. Weitere Sprachversionen wie Englisch, Türkisch oder Arabisch könnten helfen, die Zugänglichkeit und Reichweite der Aufklärung zusätzlich zu verbessern.
Organspende in Frankreich
Unsere Nachbarn begehen den Nationalen Tag der Organspende am 22. Juni. Organisiert wird die Organspende in Frankreich per Opt-out-System, bei dem alle Bürger automatisch als Organspender registriert sind, sofern sie nicht über die Plattform Registre National des Refus widersprechen. Die zentrale Informationsplattform zur Organspende in Frankreich richtet sich aktuell überwiegend an ein französischsprachiges Publikum. Zusätzliche Sprachversionen könnten helfen, Menschen mit anderer Muttersprache sowie Bevölkerungsgruppen mit kulturellen oder religiösen Fragen rund um das Thema Organspende gezielter zu erreichen und bestehende Unsicherheiten abzubauen. Mit Englisch ließen sich zudem viele internationale Einwohnerinnen und Einwohner sowie nicht-französische Muttersprachler besser ansprechen.
Organspende in Spanien
Spanien hält in Sachen Organspende und Transplantation weltweit weiterhin die Führungsposition. Auf eine Million Einwohner kommen aktuell mehr als 50 Spenderinnen und Spender. Deutschland erreicht im Vergleich dazu weiterhin nur etwa 12 Spender pro Million Einwohner. Wie auch in Frankreich gilt in Spanien die Widerspruchslösung: Bürgerinnen und Bürger gelten grundsätzlich als Organspender, sofern sie nicht aktiv widersprechen.
Das „Spanish Model“ als internationale Erfolgsstrategie
Der Erfolg Spaniens wird jedoch nicht allein auf das Opt-out-System zurückgeführt. Als entscheidend gelten vor allem die enge Krankenhauskoordination, spezialisierte Transplantationsbeauftragte, regelmäßige Aufklärungskampagnen sowie die Möglichkeit der Organspende nach Herztod. Letztere ist auch in Frankreich und England erlaubt. Obwohl es keinen eigenen nationalen Tag der Organspende gibt, wird das Thema in Spanien durch kontinuierliche Kampagnen, Veranstaltungen und Fachkongresse präsent gehalten. Die offizielle Website der Organización Nacional de Trasplantes bietet Informationen neben Spanisch auch auf Katalanisch, Galizisch, Baskisch und Englisch an. Damit wird das Thema für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zugänglicher gemacht und die internationale Wahrnehmung des sogenannten „Spanish Model“ zusätzlich gestärkt.
Organspende in England
England widmet dem Thema Organspende nicht nur einen Tag, sondern eine ganze Woche, die sich jährlich im September wiederholt. (Organ Donation Week). Dabei setzt das Vereinigte Königreich seit Jahren stark auf digitale Aufklärungskampagnen und öffentlich sichtbare Aktionen. In dieser Woche gibt es neben (Sport-) Veranstaltungen und Kongressen auch Aufklärungsstunden in Schulen. Zusätzlich macht England visuell auf diese Woche aufmerksam, indem bekannte Gebäude in Pink beleuchtet werden. Mit den Jahren wurde erkannt, dass regelmäßige Aktionen zusätzliche Aufmerksamkeit für das Thema Organspende schaffen können. So wurde mithilfe der Regierung auch die Möglichkeit geschaffen, bei der Online-Beantragung seines Ausweises die aktive Zustimmung oder Ablehnung zur Organspende anzugeben. Ebenso ist das bei der Beantragung des Führerscheins möglich.
Nachdem Englands Nachbar Wales 2015 schon den allgemeinen Konsens gelebt hatte, dass initial eine Einwilligung zur Organspende besteht, sofern kein Widerspruch dafür eingelegt wird, zog England 2020 mit dem Opt-out-System, auch bekannt als Max and Keira’s Law nach. Mit der Schaffung eines digitalisierten Registers („NHS Organ Donor Register“) wurde die Spenderzahl zusätzlich signifikant erhöht. Die Webseite NHS Organ Donation ist aktuell auf Englisch erreichbar. Daher bleibt auch dort barrierearme und verständliche Gesundheitskommunikation ein wichtiges Thema.
Fazit
Am ersten Samstag im Juni rückt Deutschland erneut das Thema Organspende in den Mittelpunkt. Der bundesweite Tag der Organspende will informieren, zum Nachdenken anregen und zur persönlichen Entscheidung motivieren. Seit März 2024 können Bürgerinnen und Bürger ihre Haltung zur Organspende in einem zentralen Online-Register dokumentieren. Der digitale Zugang soll Entscheidungen erleichtern und im Ernstfall schneller verfügbar machen. Trotzdem blieb die erhoffte Wirkung bislang aus. Die Zahl der registrierten Spenderinnen und Spender liegt deutlich hinter den Erwartungen. Gleichzeitig zeigt die steigende Zahl an Registereinträgen, dass die digitale Dokumentation zunehmend angenommen wird. Die politische Diskussion über die Widerspruchslösung hält weiterhin an. Mehrere Bundesländer und Fachorganisationen sprechen sich erneut für eine Reform des aktuellen Zustimmungssystems aus. Befürworter argumentieren, dass Länder mit Opt-out-Systemen wie Spanien oder Frankreich seit Jahren deutlich höhere Spenderzahlen erreichen.
Andere europäische Länder haben frühzeitig digitale Systeme eingeführt und parallel gesetzliche Maßnahmen umgesetzt. Frankreich, Spanien und England setzen unter anderem auf die Widerspruchslösung, bei der Menschen aktiv widersprechen müssen, wenn sie keine Organspende wünschen. Diese Regelung zeigt Wirkung: Die Spenderzahlen sind deutlich höher. In Deutschland bleibt die Zustimmungslösung bestehen – ob sich das ändert, ist offen. Der Bundestag berät derzeit über einen neuen Vorstoß zur Einführung der Widerspruchslösung. Auch die Zulassung der Organspende nach Herztod (DCD) steht zur Diskussion. Diese Praxis ist in vielen Ländern etabliert, in Deutschland jedoch rechtlich bislang nicht erlaubt. Neben rechtlichen und organisatorischen Fragen spielt auch Verständlichkeit eine zentrale Rolle. Wer aufklären will, muss Informationen zugänglich machen – sprachlich, kulturell und medizinisch. Gerade in einem vielsprachigen Land wie Deutschland hängt der Erfolg gesundheitspolitischer Maßnahmen auch davon ab, ob Menschen Inhalte verstehen, einordnen und auf ihre Situation anwenden können.
Der Tag der Organspende erinnert daran, dass gute Entscheidungen fundierte Informationen brauchen – und klare Kommunikation die Grundlage dafür bildet.
Quellen:
- https://www.tagderorganspende.de/tag-der-organspende/
- https://www.organspende-info.de/organspende-register/
- https://www.swisstransplant.org/de/organ-gewebespende/rechtliche-grundlagen/regelung-in-europa
- https://www.registrenationaldesrefus.fr/#etape-1
- https://www.ont.es/informacion-al-ciudadano-3/que-es-el-modelo-espanol-3-3/
- https://www.ont.es/
- https://www.organspende-info.de/aktuelles/nachrichten/organspendezahlen-2025-auf-hoechstem-stand-seit-2012
- https://www.nhsbt.nhs.uk/
- https://www.blood.co.uk/news-and-campaigns/the-donor/latest-stories/it-s-organ-donation-week/
- https://www.organdonation.nhs.uk/register-your-decision/
- https://www.aok.de/pp/gg/update/organspenden-2025
- https://www.dso.de/SiteCollectionDocuments/DSO-Jahresbericht%202023.pdf
- https://dtifoundation.com/spain-breaks-records-in-organ-donation-and-transplants-in-2024/
- https://www.uniklinikum-dresden.de/de/presse/aktuelle-medien-informationen/universitaetsklinikum-dresden-realisiert-2024-deutschlandweit-die-meisten-organspenden


