Auch Ägypten ist aus der Sicht deutscher Unternehmen, die digital verkaufen, ein mögliches Expansionsziel. Einige Hindernisse erschweren jedoch den Einstieg am lokalen Markt. Welche Merkmale den E-Commerce in Ägypten kennzeichnen und was Unternehmen im Hinblick auf den digitalen Handel beachten müssen, zeigen wir hier.

Zahlen und Fakten über das Land

Ägypten ist ein interkontinentaler Staat im nordöstlichen Afrika und der Halbinsel Sinai. Das Land erstreckt sich über eine Fläche von über 1 Mio. km² und beheimatet mehr als 100 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner. Ägypten wird im Norden durch das Mittelmeer begrenzt, im Westen grenzt das Land an Libyen, im Süden an den Sudan und im Osten an das Rote Meer sowie in der Halbinsel Sinai an Israel und den Gazastreifen.

In der Hauptstadt Kairo, Ägyptens größter Stadt, leben rund 9 Mio. Menschen; die Metropolregion Kairo ist der größte Ballungsraum Afrikas und beheimatet über 17 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner – knapp ein Viertel der Bevölkerung. Weitere Millionenstädte befinden sich entlang des Nils und an Ägyptens Meeresküsten. Alexandria ist die zweitgrößte Stadt (5 Mio.) und ein wichtiger Wirtschafts- und Industriestandort. Am Hafen von Alexandria wird rund 80 Prozent des ägyptischen Außenhandels abgewickelt. Gizeh, Ägyptens drittgrößte Stadt nach Einwohnerzahl (4,1 Mio.), liegt am Westufer des Nils und ist ein beliebtes touristische Ziel.

Ägypten ist eine semipräsidentielle Republik. Bis zur Revolution im Jahr 2011 (vgl. Arabischer Frühling im Ägypten) legte die 1971 in Kraft getretene Verfassung fest, dass Ägypten eine Präsidialrepublik ist. Im Jahr 2014 entschied sich die ägyptische Bevölkerung für die neue, von der Übergangsregierung vorgeschlagene Verfassung; damit wurde Ägypten zu einem semipräsidialen Einheitsstaat. Die neue Verfassung des Landes enthält im Vergleich zur früheren Verfassung mehr Grundrechte und garantiert die Gleichheit von Mann und Frau; gleichzeitig aber wurde durch das neue Grundrecht die Macht des Militärs wesentlich gestärkt, so dass es mit Bezug auf die politische Lage Ägyptens von einem Militärregime gesprochen werden kann.

Gemessen am HDI, dem Wohlstandindikator der Vereinigten Nationen, ist Ägypten mit einem Wert von 0,731 das 97. Land der Welt nach menschlicher Entwicklung (vgl. Deutschland: 0,942; Österreich: 0,916). Das ägyptische Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt bei 361,8 Mrd. US-Dollar, kaufkraftbereinigt liegt das BIP pro Kopf bei rund 12.790 US-Dollar (vgl. deutsches BIP pro Kopf: 45.700 US-Dollar).

Das ägyptische Pfund (EGP), die Währung Ägyptens, unterteilt sich in 100 Piaster und 1000 Millièmes. Aktuell (10.10.2022) beläuft sich der Wechselkurs auf 19,06 ägyptisches Pfund pro Euro.

Sprache und Lokalisierung

Die Amtssprache Ägyptens ist Arabisch. Die Variante der arabischen Sprache, die in Ägypten von der überwiegenden Mehrheit der einheimischen Bevölkerung als Muttersprache gesprochen wird, nennt sich Ägyptisch-Arabisch. Auch in Ägypten, wie in den anderen Ländern der arabischsprachigen Welt, lässt sich aus sprachwissenschaftlicher Hinsicht eine Situation der Diglossie feststellen. Also eine Situation, die sich durch die Koexistenz von geschriebener Standardsprache (Hocharabisch) und gesprochener lokaler Sprache (Ägyptisch-Arabisch) auszeichnet, wobei letztere ausschließlich zum Zwecke der Kommunikation im privaten und nicht-offiziellen öffentlichen Bereich des Lebens dient.

Ägyptisch-Arabisch unterscheidet sich von der Standardsprache in vielerlei Hinsicht – von der Aussprache über die Grammatik bis hin zum Vokabular. Die Unterschiede sind teilweise gravierend. Unter den neuarabischen Dialekten – so nennen sich in der Sprachwissenschaft die Dialekte der arabischen Standardsprache, die in den jeweiligen arabischen Ländern gesprochen werden – gilt die ägyptische Variante als eine der von Sprecherinnen und Sprechern anderer Dialekte meistverstandenen. Diesen Umstand hat Ägyptisch-Arabisch der florierenden Filmproduktion Ägyptens zu verdanken, welche die Verbreitung der ägyptischen Sprachvariante innerhalb der arabischen Welt signifikant begünstigt hat.

Als Fremdsprachen sind im Land vor allem Englisch und Französisch verbreitet. Historisch lag Ägypten lange Zeit unter britischer Herrschaft; die Unabhängigkeit von Großbritannien wurde 1922 erklärt. Dennoch ist die Kenntnis der Sprache des ehemaligen Herrschers unter der ägyptischen Bevölkerung im Durchschnitt mangelhaft. Im Ranking von Education First werden die Englischkenntnisse der Menschen in Ländern mit nichtenglischer Amtssprache ausgewertet. Von den 112 Ländern im Ranking liegt Ägypten auf Platz 85. Für den E-Commerce heißt das, dass die Übersetzung in die Landessprache für den erfolgreichen Einstieg am lokalen Markt wichtig ist. Am effektivsten lässt sich die Sprachbarriere mit einer landesspezifischen Übersetzung (Lokalisierung) überwinden, die auch die Besonderheiten der Zielkultur sowie weitere Unterschiede berücksichtigt, wie beispielsweise die andere Währung.

Eckdaten über Wirtschaft, Import und Export

Das ägyptische Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt bei 361,8 Mrd. US-Dollar, kaufkraftbereinigt entspricht dies rund 1,3 Bio. US-Dollar. Das BIP pro Kopf liegt bei rund 12.790 US-Dollar (vgl. deutsches BIP pro Kopf: 45.700 US-Dollar).

Die ägyptische Wirtschaft stützt sich auf den Dienstleistungssektor (52,23 %) und das verarbeitende Gewerbe (30,79 %), die Agrarwirtschaft spielt eine geringere Rolle (11,83 %). Deutschland (5,1 %) gehört neben China (14,1 %), Saudi-Arabien (6,9 %) und die USA (6,7 %) zu den wichtigsten Bezugsmärkten und Wirtschaftspartnern Ägyptens. Zu den wichtigsten Waren, die im Jahr 2021 aus dem Ausland nach Ägypten importiert bzw. von Ägypten ins Ausland exportiert wurden, gehören nach Umsatz die Güterkategorien Kraftstoffe und Mineralöle (13,16 Mrd. US-Dollar), Kunststoffe (2,67 Mrd.), elektrische und elektronische Geräte (2,38 Mrd.) sowie die Baumetalle Eisen und Stahl (1,72 Mrd.).

Trends im Hinblick auf die Internetnutzung

Die Penetrationsrate des Internets in Ägypten ist in den letzten 2-3 Jahren rasch gestiegen. Heute benutzen rund 70 Prozent der Ägypterinnen und Ägypter das Internet, noch im Jahr 2018 lag der Wert bei unter 50 Prozent. Daten von Statista zufolge lässt sich bei der Internetnutzung in Ägypten ein Gendergap feststellen, wobei 52,4 Prozent der Männer gegenüber 41,3 Prozent der Frauen das Internet benutzen. Die Mehrheit der befragten Nutzerinnen und Nutzer geben an, bevorzugt von einem mobilen Gerät aus zu surfen. Aktuell surfen rund 60 Mio. Ägypterinnen und Ägypter vom Smartphone los; für 9,5 Mio. bietet nach wie vor der PC den beliebtesten Weg zum Internet.

Die aktivste – und somit für den E-Commerce interessanteste – Altersgruppe ist jene der jungen Erwachsenen zwischen 25 und 34 Jahren. Dies scheint ein globaler Trend zu sein. Darauf schließen lassen hier etwa die Daten bezüglich der Nutzung von Messagingdiensten und sozialen Netzwerken. Etwa Messenger erfreut sich unter dieser Altersgruppe den meisten Nutzerinnen und Nutzern; Daten von Statista zufolge handelt es sich hierbei mehrheitlich um Männer (19,1 % vs. 11,2 %). Die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen ist hingegen auf dem sozialen Netzwerk Instagram am stärksten vertreten. Auch hier lässt sich der gleiche Gendergap feststellen (über 20 % männliche Nutzer vs. rund 18 % weibliche Nutzerinnen).

Im Allgemeinen gehört das Internet auch in Ägypten für die meisten Menschen zum Alltag. Bei einer Umfrage von Statista aus dem Jahr 2021 wurden Ägypterinnen und Ägypter gefragt, ob sie sich ein Leben ohne Internet vorstellen können. Dabei gaben 60 Prozent der Befragten an, sie können sich nicht vorstellen, ganz offline zu gehen.

Trends im Hinblick auf das Kaufverhalten

Einer Auswertung von Statista zufolge belaufe sich der Umsatz des ägyptischen E-Commerce auf rund 8 Mrd. US-Dollar. Dabei sorgen die Elektronik- und Modebranche für die meisten Umsätze. Bei einer Umfrage von Statista aus dem Jahr 2021 wurden Ägypterinnen und Ägypter gefragt, bei welchen Produkten sie sich eher über das Internet informieren würden als über Offline-Kanäle. Dabei gaben 65 Prozent der Befragten an, sie würden sich bei Elektronikwaren wie Fernseher oder Smartphones bevorzugt online informieren. 45 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal in den vergangenen 12 Monaten Kleidung über E-Commerce-Kanäle erworben zu haben. Im Rahmen der gleichen Umfrage wurden Ägypterinnen und Ägypter auch gefragt, inwieweit sie Rezensionen von anderen Konsumentinnen und Konsumenten hilfreich bei der Kaufentscheidung finden. Dabei meinten 56 Prozent der Befragten, Rezensionen seien für sie bei der Kaufentscheidung sehr hilfreich.

Daten von Statista zufolge kaufen knapp über 41 Prozent der ägyptischen Internetnutzerinnen und -nutzer regelmäßig, das heißt wöchentlich, online ein. Dabei liegt der Trend etwas unter dem globalen Durchschnitt, welcher bei rund 58 Prozent liegt. Die aktivste Altersgruppe ist jene der 25- bis 34-Jährigen, gefolgt von den 18- bis 24-Jährigen und den 35- bis 44-Jährigen.

Was die Zahlungsmittel anbetrifft, lässt sich in Ägypten ein Gegentrend zu den meisten restlichen Ländern feststellen, denn noch über 60 Prozent der ägyptischen Konsumentinnen und Konsumenten ziehen immer noch das Bargeld der Kredit- bzw. Debitkarte vor – auch bei Onlineeinkäufen. Nur 25 Prozent der Transkationen werden per Zahlungskarte abgeschlossen, 8 Prozent per Überweisung.

Unter den Konsumentinnen und Konsumenten, die ein iPhone besitzen, sind vor allem die Apps SHEIN (12 Mio. Downloads) sowie OLX Arabia und Wish (jeweils 10 Mio. Downloads) beliebt.

Wissenswertes zu den Import- und Zollbestimmungen

Am 1. Juni 2004 ist das sogenannte Assoziationsabkommen zwischen der Europäischen Union und Ägypten in Kraft getreten, dessen Ziel es ist, eine Freihandelszone mit einer Übergangsperiode von 15 Jahren zu schaffen. Seit 2015 werden die Importbestimmungen allerdings verschärft. Händler aus der Europäischen Union – darunter fallen auch deutsche Unternehmen – müssen insbesondere das Advance Cargo Information (ACI) System beachten, das neue, digitale ägyptische Zollverfahren zur verpflichtenden Vorabregistrierung von Frachtinformationen bei Wareneinführen nach Ägypten. Unter die Pflicht zur Vorabregistrierung fallen sämtliche Importeure, somit auch Unternehmen aus Deutschland und der EU. Viele Waren unterliegen einer Inspektion vor der Verschiffung nach Ägypten. Das TÜV Rheinland gehört zu den anerkannten ausländischen Zertifizierungs- bzw. Inspektionsstellen.

Für Waren EU-Ursprungs sind für den Export nach Ägypten die folgenden Begleitpapiere notwendig:

  • Ursprungszeugnis (Ursprungsnachweis) bzw. EUR.1 Warenverkehrsbescheinigung, alternativ
  • Ursprungserklärungen des ermächtigen Ausführers auf der Exportrechnung (durch den Exporteur auszustellen), alternativ
  • Ursprungszeugnis (Ursprungsnachweis) anstelle des EUR.1, von der zuständigen Handelskammer gestempelt, oder

Der ägyptische Zolltarif richtet sich nach dem Harmonisierten System (HS), die Zollsätze wurden allerdings im Jahr 2018 für einige Waren deutlich erhöht, um die lokale Produktion zu schützen. Zollbegünstigungen gibt es unter Umständen für bestimmte Investitionsgüter und Vormaterialen für Joint Ventures und Montagewerke (Quelle: WKO.at).

Fazit

Im Großen und Ganzen ist Ägypten aus der Sicht deutscher Unternehmen, die digital verkaufen, ein mögliches Expansionsziel. Die Voraussetzungen, die für den digitalen Handel erforderlich sind – von der Verbreitung des Internets über die Präsenz großer Ballungsräume und Wirtschaftszentren sowie Logistikinfrastrukturen bis zu einem mehrheitlich digitalaffinen Zielpublikum, welches das Internet gerne einsetzt, um sich über Produkte und Waren zu informieren und diese zu erwerben – sind in dem arabischen Land gegeben. Es lässt sich dennoch sagen, dass der ägyptische E-Commerce-Markt noch nicht ausgereift ist. Daran beteiligt sich vor allem die jüngere, digitalaffinere Bevölkerungsgruppe zwischen 18 und 34 Jahren und es gibt sowohl bei der Nutzung des Internets im Allgemeinen als auch bei der Nutzung von Internetdiensten, die digitalen Unternehmen einen möglichen Weg zu den Konsumentinnen und Konsumenten bieten – Stichwort: Internet 2.0, soziale Netzwerke – einen Gendergap, weshalb viele Frauen entweder nicht oder nur schwer erreichbar sind. Gegen eine Expansion nach Ägypten sprechen das im Vergleich zu anderen Expansionszielen komplizierte(re) Importverfahren sowie die teilweise hohen Kosten für Zollgebühren. Auch die schwierige politische Lage des Landes sorgt für Ungewissheit. Die am einfachsten übersteigbare Barriere bildet dabei wohl die Sprache.



Quellen

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

Wir erklären, wie Internationalisierung funktioniert, geben Tipps zu Übersetzungsprojekten und erläutern Technologien und Prozesse. Außerdem berichten wir über aktuelle E-Commerce-Entwicklungen und befassen uns mit Themen rund um Sprache.

 

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