Mit einem Umsatz von 688,4 Mrd. GBP im Jahr 2018 ist das Vereinigte Königreich der größte E-Commerce-Markt in Europa. In diesem Artikel wollen wir aber nicht auf das Vereinigte Königreich insgesamt eingehen, sondern wir fokussieren uns auf den Landesteil Wales, seine Wirtschaft und die Besonderheiten, die die keltische Nation an der westlichen Küste der Insel Großbritannien für ausländische Investitionen interessant machen. Welche Merkmale, Stärken und Chancen die walisische Wirtschaft im Bezug auf den Onlinehandel kennzeichnen, zeigen wir hier.

Zahlen & Fakten

Die keltische Nation Wales liegt im Westen der Insel Großbritannien und ist geprägt von einer zerklüfteten Landschaft, die ihr einen sanften und rauen Aspekt zugleich verleiht. Mit einer Fläche von 20.735 km2 ist Wales etwas kleiner als Hessen und der kleinste Landesteil des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland. In Wales leben allerdings nur etwa halb so viele Menschen wie in Hessen, nämlich etwas über 3 Millionen Menschen. Von diesen leben etwa vier Fünftel in städtischen Gebieten, zwei Drittel im Süden von Wales, viele andere im Nordosten. Der Süden von Wales ist nach wie vor die am dichtesten besiedelte und am stärksten industrialisierte Region des Landes. Sie ist in mehrere städtische Verwaltungsgebiete unterteilt, darunter die Hauptstadt Cardiff (335.000) und die Großstädte Swansea (246.000) und Newport (128.000).

Im Norden und Westen grenzt Wales an die Irische See, im Süden an den Bristolkanal. Straßen- und Eisenbahnbrücken kreuzen die abwechslungsreiche walisische Landschaft, die von weitläufigen Wiesen, sanften Hügeln, düsteren Mooren und zerklüfteten Bergen geprägt ist, und verbinden Wales mit dem Festland und dem Nachbarland England im Osten. Von Norden nach Süden erstreckt sich das Land über etwa 210 km, die walisische Küstenlinie misst 970 km.

An die Zeit, zu der Wales eines der bedeutendsten politischen und kulturellen Zentren des keltischen Europas war, erinnern die vielen Traditionen, von denen die bedeutendste die walisische Sprache ist, die vor allem im Landesinneren von etwa einem Fünftel der Bevölkerung noch heute gesprochen wird und dazu beiträgt, die hier heimische keltische Kultur lebendig zu halten. Dadurch hat sich Wales kulturelle Aspekte bewahrt, die sich deutlich von denen seiner englischen Nachbarn unterscheiden. Dennoch wurde es England unterworfen und durch den Act of Union von 1536 formell mit dem Königreich England verbunden.

1997 verlieh die britische Regierung Wales ein gewisses Maß an Autonomie durch die Schaffung der Walisischen Versammlung und der derzeitigen Verwaltungsstruktur, die das Land in 22 Bezirke bzw. Unitary Authorities teilt, die die Entscheidungsbefugnis für sämtliche Verwaltungsaufgaben auf lokaler Ebene besitzen. Im Hinblick auf ihren Verwaltungsstatus herrscht unter den Bezirken Gleichheit, dennoch unterscheiden sie sich aus historischen Gründen manchmal in ihrer amtlichen Bezeichnung. Verbunden sind sie hingegen durch die walisischen Sprache.

In Wales, ähnlich wie in Südtirol, sind viele Verwaltungsorgane zweisprachig. 1993 wurde der Welsh Language Act verabschiedet, der die Gleichstellung von Walisisch und Englisch in Wales grundsätzlich festschrieb. Darüber hinaus wurde das Welsh Language Board eingerichtet, um „den Gebrauch der walisischen Sprache zu fördern und zu erleichtern“, und es wurden Mindeststandards für den Gebrauch des Walisischen durch öffentliche Einrichtungen wie Stadtverwaltungen, Polizei, Feuerwehr und Gesundheitsbehörden sowie Schulen festgelegt.

Wie im Rest des Vereinigten Königreichs ist die Währung in Wales das Pfund Sterling (GBP). Die Bank of England, die Zentralbank des Vereinigten Königreichs, ist unter anderem für die Ausgabe der Währung zuständig. Seit 1980 befindet sich die Royal Mint, die britische Münzprägeanstalt, in Llantrisant im Süden von Wales. Die britische Währung unterteilt sich in 100 Pennies, auch Pence genannt. Aktuell (20.06.2021) entspricht 1 Pfund Sterling 1,16 Euro.

Trends & Einblicke

Die walisische Wirtschaft ist eng mit der des Vereinigten Königreichs und des weiteren Europäischen Wirtschaftsraums verbunden. Im Jahr 2019 belief sich das Bruttoinlandsprodukt in Wales laut OECD- und Eurostat-Daten auf 75,5 Mio. GBP. Damit ist die walisische Wirtschaft die zehntgrößte der zwölf Regionen des Vereinigten Königreichs, die neben den neun englischen Government Office Regions auch Wales, Schottland und Nordirland umfassen, und kommt nur noch vor Nordirland und dem Nordosten Englands.

Die bescheidene Leistung der walisischen Wirtschaft ist größtenteils auf die niedrige Beschäftigungsquote und die niedrigen Durchschnittslöhne zurückzuführen, die sich aus einer Großzahl von Personen mit geringer oder keiner Qualifikation, dem Fehlen eines großen wirtschaftlichen Ballungsraums und einem relativ hohen Anteil von Menschen im Rentenalter ergeben. Die Kluft zwischen der Beschäftigungsquote in Wales und dem Vereinigten Königreich insgesamt hat sich jedoch geschlossen, wobei die Arbeitslosenquoten auf einem ähnlichen Niveau liegen, nämlich 4,1 % bzw. 4,0 % im Jahr 2018.

Bis in die späteren Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts baute die walisische Wirtschaft hauptsächlich auf Landwirtschaft und Schwerindustrie auf. Kohlebergbau, Ölraffination und Fertigung waren traditionell die wichtigsten Industriebereiche. Im 20. Jahrhundert gab es eine Tendenzwende. Der Anteil der Schwerindustrie an der Gesamtwirtschaft des Landes ging stark zurück und die Dienstleistungen nahmen massiv zu. Der öffentliche Sektor hingegen leistet insbesondere in Bereichen wie Gesundheit und Bildung nach wie vor einen großen Beitrag zum BIP. Auch hier war allerdings in den letzten zehn Jahren ein Gegentrend zu verzeichnen, denn die Privatwirtschaft wuchs schnell und beschäftigt heute mehr Menschen als der traditionell stärkere öffentliche Sektor.

Wales weist einige bedeutende regionale Unterschiede in seiner Wirtschaftsstruktur und -leistung auf. Die Hauptstadt Cardiff, der nördliche und südliche Küstengürtel und auch einige ländliche Teile von Wales haben den größten Beschäftigungszuwachs erfahren, während die Täler im Süden des Landes, die traditionell vom Bergbau abhängig sind, einen Rückgang erlitten. Im Allgemeinen sind Beschäftigung und Verdienst in städtischen Gebieten und im Osten von Wales dank der guten Wirtschaftsbeziehungen zu den Regionen Bristol, West Midlands und London höher.

Im Zuge der National Survey for Wales 2018-19 wurden Waliserinnen und Waliser befragt, ob ihr Haushalt Zugang zum Internet hat, ob sie selbst das Internet nutzen und mit welcher Häufigkeit. Die Umfrage ergab, dass 2019 87 % der Haushalte Zugang zum Internet haben. 2013 hatten 73 % der Waliserinnen und Waliser Zugang zum Internet, 2004 nur 43 %.

89 % der Erwachsenen ab 16 Jahren nutzen das Internet zu Hause, am Arbeitsplatz oder anderswo, dabei gelte 11 % der walisischen Bevölkerung als digital ausgeschlossen. Die Daten stimmen im Großen und Ganzen mit denen der Umfrage „Internet users, UK: 2019“ des britischen Office for National Statistics, aus der hervorging, dass 90 % der Waliserinnen und Waliser ab 16 Jahren mindestens einmal im vorangegangenen Quartal online waren.

Die Internetpenetrationsrate variiert im Vereinigten Königreich je nach Region von 87 % in Nordirland über 90 % in Schottland bis hin zu 93 % im Südosten Englands mit einem Durchschnittswert von 91 %.

98 % der 16- bis 49-jährigen Waliserinnen und Waliser nutzen das Internet. Unter den 50- bis 64-Jährigen sinkt der Wert auf  91 %, unter den 65- bis 74-Jährigen weiter auf 79 %. Des Weiteren ergab die Umfrage, dass 90 % der Männer im Vergleich zu 87 % der Frauen das Internet nutzen. Besonders auffällig ist dieser Trend in der Altersgruppe ab 65 Jahren: 69 % der Männer ab 65 Jahren nutzen das Internet im Vergleich zu 62 % der Frauen.

Im Hinblick auf die Nutzung von Festnetz-, Mobilfunk- und Breitbanddiensten waren in Wales 2017 keine großen Unterschiede zum Vereinigten Königreich insgesamt festzustellen. Erwachsene Waliserinnen und Waliser besaßen 2017 so viele PCs und Tablets wie ihre Nachbarn, nur 58 % von ihnen im Gegensatz zum britischen Durchschnitt von 66 % jedoch gaben an, lieber von ihrem Smartphone aus im Internet zu surfen. Landesintern ergab die Umfrage zwei weitere signifikante Trends bei der Nutzung von Onlinediensten und smarten Geräten, nämlich zwischen städtischen und ländlichen Gebieten in Wales. Waliserinnen und Waliser in städtischen Gebieten gaben an, die mobile Telefonie gegenüber dem Festnetzt zu bevorzugen, während in vielen Haushalten am Land das Festnetztelefon immer noch eine große Rolle spielt.

Mit einem Marktanteil von 85,7 % im Januar 2021 ist Google die beliebteste Suchmaschine im Vereinigten Königreich, gefolgt von Bing (10,65 %) und Yahoo! (1,96 %). Wales folgt hier dem britischen Trend.

Mit 416,9 Mio. Aufrufe im Monat ist Amazon der meistbesuchte Onlinemarktplatz im Vereinigten Königreich, gefolgt von eBay und Etsy mit 244,9 Mio. bzw. 19,4 Mio. Aufrufe im Monat im Jahr 2020.

PayPal war im Jahr 2019 die meistgenutzte Zahlungsmethode für Onlinetransaktionen im Vereinigten Königreich. Eine von Attest durchgeführte Umfrage ergab, dass rund 49 % der britischen Käuferinnen und Käufer bevorzugt PayPal für Zahlungen im Internet nutzten, während 37 % lieber mit Kredit- bzw. Debitkarte zahlten. Im Vergleich dazu wurden digitale Geldbörsen wie Google Pay, Amazon Pay und Apple Pay nur von einem geringen Anteil der Verbraucherinnen und Verbraucher genutzt.

Stärken & Chancen

Die walisische Wirtschaft spiegelt im Allgemeinen die Trends und Muster des Vereinigten Königreichs wider. Allerdings ist in Wales die Anzahl der Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft sowie im verarbeitenden Gewerbe höher als im Rest des Vereinigten Königreichs, in Finanz- und Unternehmensdienstleistungen ist hingegen ein Gegentrend festzustellen. Es gibt aktive ausländische Investitionen in der walisischen Industrie, insbesondere in den Hochtechnologiebranchen, dennoch liegen das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und die Beschäftigungsquoten von Wales weit unter dem Durchschnitt des Vereinigten Königreichs. Auch die Europäische Union hat Teilen von Wales, insbesondere dem Süden und Westen, Zuschüsse gewährt, um die dortige Wirtschaft anzukurbeln.

Die verarbeitende Industrie macht fast ein Drittel des walisischen BIP aus. Verbesserungen in der walisischen Transportinfrastruktur trugen dazu bei, dass im Süden und Nordosten von Wales eine diversifizierte industrielle Produktion entstand, an der auch ausländische Unternehmen beteiligt sind, die sich auf Elektro-, Automobil- und Chemieprodukte spezialisiert haben. Lebensmittel, Metalle und Metallprodukte, Getränke und optische Geräte sind ebenfalls wichtig. Finanz- und Unternehmensdienstleistungen, der öffentliche Sektor, vor allem Bildungs- und Gesundheitsdienstleistungen, das Hotel- und Gaststättengewerbe und der Handel machen mehr als die Hälfte des BIP und fast zwei Drittel der Arbeitsplätze in Wales aus. Die meisten Dienstleister konzentrieren sich in der Hauptstadt Cardiff und in den anderen städtischen Gebieten des Landes. Eine weitere wichtige Einnahmequelle ist der Tourismus, besonders in den Nationalparks im Hochland und an der Küste.

Im Jahr 2020 war Deutschland mit einem Anteil von 2,2 Mrd. GBP (16,0 %) der größte Exportmarkt für walisische Produkte, obwohl der Wert der Exporte nach Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um 0,7 Mrd. GBP zurückging. Frankreich war der zweitgrößte Exportmarkt mit einem Anteil von 1,8 Mrd. GBP (13,7 %), gefolgt von den USA mit 1,8 Mrd. GBP (13,4 %).

Transportgeräte mit Ausnahme der Straßenfahrzeuge waren 2020 die Produktkategorie mit dem höchsten Exportwert, gefolgt von Maschinen und Geräten zur Energieerzeugung. Die Exportwerte für sieben der zehn wichtigsten Produktkategorien, darunter Erdöl und Erdölprodukten sowie verwandten Materialien, gingen im Vergleich zum Vorjahr zurück. Medizinische und pharmazeutische Produkte verzeichneten im Pandemiejahr 2020 mit einem Plus von 52 Mio. GBP den größten absoluten Anstieg.

55 % der britischen Konsumentinnen und Konsumente kaufen laut einer Umfrage des Office for National Statistics aus dem Jahr 2020 Kleidung und Sportartikel online, die somit auf Platz 1 in der Liste der am meisten digital verkauften Produktkategorien im Vereinigten Königreich landen. Esszulieferer kommen auf Platz 2 mit 32 %, gefolgt von Büchern, Magazinen und Zeitungen (29 %), Einrichtungsgegenständen (28 %) und Technologieprodukten (24 %). Nur 8 % der Britinnen und Briten kaufen Fahrräder, Mopeds, Autos und deren Ersatzteile online.

Zoll & Brexit

Seit dem 1. Januar 2021 gehört das Vereinigte Königreich nicht mehr dem Binnenmarkt und damit auch nicht mehr der gemeinsamen EU-Zollunion an. Ende 2020 einigten sich die EU und das Vereinigte Königreich allerdings über ein Handels- und Partnerschaftsabkommen, das ebenfalls am 1. Januar 2021 in Kraft trat und den zollfreien und mengenmäßig unbegrenzten Warenverkehr vorsieht, sofern die Waren nachweislich bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

Unter anderem wird der neue Status des Vereinigten Königreichs dazu führen, dass alle Importe und Exporte Zollformalitäten unterliegen werden. Konkret müssen Waren Ursprungsregeln einhalten, um sich für eine Zollpräferenzbehandlung im Rahmen des Abkommens zu qualifizieren, zudem müssen alle Importe in die EU alle EU-Standards erfüllen und werden behördlichen Überprüfungen und Kontrollen für Sicherheit, Gesundheit und andere öffentliche Zwecke unterzogen.

Auch der E-Commerce wird davon betroffen, denn Waren, die von den Konsumentinnen und Konsumenten online im Vereinigten Königreich bestellt werden, unterliegen ab dem 1. Januar 2021 Zollformalitäten und -kontrollen und es können Zoll und Einfuhrumsatzsteuer, eventuell auch Verbrauchsteuern, anfallen. Waren ab 22 Euro sind einfuhrumsatzsteuerpflichtig. Zoll muss zusätzlich ab einem Warenwert von 150 Euro entrichtet werden. Die Höhe der Zollabgaben richtet sich nach der Ware selbst, dem Wert sowie dem Ursprungsland der Ware. (bmf.gv.at, letzter Zugriff am 20.06.2021)

Fazit

Für deutsche Onlinehändler ist Wales in etwa so interessant wie der Rest des Vereinigten Königreiches: Es gibt eine relativ große Zielgruppe, die mit dem Einkauf im Internet vertraut ist und dabei auch gerne im Ausland einkauft. Allerdings ist durch den Brexit der Handel deutlich komplizierter und aufwändiger geworden. Ob sich dieser Aufwand am Ende wirtschaftlich lohnt oder ob man das Geschäft der sehr professionellen und gut etablierten Konkurrenz vor Ort überlässt, muss am Ende jeder Händler für sich entscheiden.



Quellen

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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