Zweisprachige Kindergärten und sogar -krippen sind keine neue Einrichtung. Allerdings ist es noch relativ neu, dass diese Kindertagesstätten auch von Kindern besucht werden, die zu Hause nur Deutsch sprechen. Die Zahl der bilingualen Kitas in Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht – das spricht für eine steigende Nachfrage.  Um diese Entwicklung nachvollziehen zu können, müssen wir erst einmal einen Blick auf die natürliche Zweisprachigkeit und den Hintergrund der bilingualen Kindergärten werfen.

Natürliche Zweisprachigkeit und Kindergarten

Natürliche Zweisprachigkeit entsteht, wenn Eltern unterschiedliche Muttersprachen haben, aber beide mit dem Kind gesprochen werden. Wichtig ist dabei, dass jeder dabei mit dem Kind nur seine „eigene“ Sprache spricht, sodass eine klare Sprachenzuordnung stattfinden kann. Das Kind lernt auf diese Weise beide Sprachen als Muttersprache, ganz natürlich und ohne bewusstes Lernen. Man nennt diese Art des Spracherwerbs auch Immersion, vom englischen Wort immerse (=eintauchen), da man in die Sprache eintaucht. Sie wird im Alltag verwendet und so werden Vokabeln und Grammatik allmählich und fast automatisch verinnerlicht.

Diese Lernmethode ist sehr erfolgreich, allerdings funktioniert sie am besten, wenn früh damit begonnen wird. Menschen haben im Kindesalter ein Zeitfenster, in dem sie Sprachen auf muttersprachlichem Niveau  erlernen können, das sich mit etwa 6 oder 7 Jahren wieder schließt. Danach können natürlich noch Sprachen erlernt werden, aber der Lernprozess ist langwieriger, findet bewusst statt und Muttersprachenniveau kann selten erreicht werden. Hier setzen die bilingualen Kindertagesstätten an, um eine künstliche Zweisprachigkeit bei Kindern aus einsprachig deutschen Familien zu erzeugen.

Aber zurück zum eigentlichen Nutzen der zweisprachigen Kindergärten. Ein Problem in vielen zweisprachigen Familien ist, dass die Kinder die schwächere Sprache – in der Regel die Nichtumgebungssprache – seltener benutzen. Ein Beispiel: Der Vater ist Deutscher, die Mutter Japanerin. Der Vater spricht mit dem Kind Deutsch, die Mutter Japanisch. Die Familie lebt in Deutschland, also ist die Umgebungssprache Deutsch. Das Kind wird außerhalb der Familie mit der deutschen Sprache konfrontiert, auch in der einsprachigen Kindertageseinrichtung. Es spricht nur mit der Mutter und einigen wenigen anderen Sprachpartnern Japanisch, wird bald den Nutzen hinterfragen, und die Sprache eventuell sogar verweigern. Um das zu verhindern, wurden zweisprachige Kindergärten eingerichtet, in denen Kinder ihre schwächere Sprache regelmäßig und mit Partnern außerhalb des familiären Umfelds sprechen können und somit beide Sprachen gefördert werden.

Da ist allerdings noch ein Einsatzgebiet von zweisprachigen Kindertagesstätten, das oft nicht beachtet wird. Beispielsweise gibt es viele Familien, in denen beide Elternteile die gleiche Sprache sprechen, die aber anders als die Umgebungssprache ist. Wenn also die Familiensprache Türkisch ist und die Kinder zu Hause und in ihrem gesamten Umfeld nur Türkisch sprechen, wird es zu einem Problem, wenn sie erst in der Schule mit der deutschen Sprache konfrontiert werden. Da reicht es nicht aus, dass die Familie in Deutschland lebt und die Kinder auf der Straße oder beim Einkaufen Deutsch hören. Auch der Ansatz, solche Kinder vor der Schule in eine einsprachig (deutsche) Kindertagesstätte zu schicken, ist selten von Erfolg gekrönt. Oft werden die Eltern dazu angehalten, auch zu Hause mit den Kindern Deutsch zu sprechen. Kinder merken allerdings schnell, wenn es künstlich ist – wenn die Eltern in einer für sie selbst fremden Sprache mit ihnen sprechen. Gerade bei jüngeren Kindern kann es dann zu einer doppelten Halbsprachigkeit kommen, dass sie also zwei Sprachen sprechen, aber keine davon richtig. Bilinguale Kitas verfolgen den Ansatz, dass die Kinder mit der Immersionsmethode mit der deutschen Sprache in Kontakt kommen, aber gleichzeitig Sprachpartner für ihre Familiensprache haben – denn nur, wenn die Muttersprache gestärkt und gefördert wird, kann eine weitere Sprache gut aufgenommen werden. Dieses Konzept zeigt Erfolg: Kinder mit Migrationshintergrund, die eine solche Einrichtung besuchen, beherrschen bis zum Eintritt in die Grundschule die deutsche Sprache so gut, dass sie ohne Probleme am Unterricht teilnehmen können.

Künstliche Zweisprachigkeit

In den beiden oben vorgestellten Fällen ist der Besuch einer zweisprachigen Kindertagesstätte nicht nur sinnvoll, sondern regelrecht empfehlenswert, doch wo liegt der Nutzen für deutsche Kinder in Deutschland, in der Kita eine zweite Sprache zu erlernen? Lange galt die Meinung, dass zweisprachige Kindern bessere kognitive Fähigkeiten besitzen als einsprachige Kinder. Es gibt allerdings keine Langzeitstudien zu künstlicher Zweisprachigkeit, sodass dies weder bestätigt noch widerlegt werden konnte. Bewiesen ist jedoch, dass zum immersiven Lernen einer Sprache keine besonderen kognitiven Fähigkeiten notwendig sind – es findet auch kein bewusstes Er-lernen statt. Eltern erhoffen sich für ihre Sprösslinge vermutlich einfach bessere Chancen durch den frühen Erwerb einer zweiten Sprache. Aus Angst, das recht enge Zeitfenster dafür zu verpassen, beginnen sie immer früher mit der Frühförderung. Mittlerweile werden sogar Englischkurse für Babys angeboten – über den Sinn oder Unsinn solcher Maßnahmen lässt sich sicher streiten.

Sollten sich Eltern – aus welchen Gründen auch immer – dafür entscheiden, ihr Kind zur künstlichen Zweisprachigkeit zu erziehen, sollten sie dies auf keinen Fall selbst in die Hand nehmen. Kinder bemerken es, wenn Eltern künstlich eine Fremdsprache als Familiensprache einführen wollen! Außerdem können sich bei Nicht-Muttersprachlern leicht Fehler einschleichen, die die Kinder dann übernehmen. Aber auch die Möglichkeit der bilingualen Kindertagesstätte ist mit Vorsicht zu genießen – nicht immer sind sie wirklich zweisprachig! Einige Einrichtungen nennen ich schon bilingual, wenn nur einmal die Woche eine muttersprachliche Fachkraft kommt, um eine Stunde lang mit den Kindern eine andere Sprache zu sprechen. Oder wenn die Erzieher/innen mit den Kindern fremdsprachliche Versionen der bekannten Kinderlieder singen und/oder einzelne Wörter im Alltag einstreuen. So wird keine Zweisprachigkeit erreicht, sondern allenfalls das Einprägen und Abrufen von Wörtern und Liedern. Wirklich bilinguale Kitas bauen auch auf das Ein-Personen-Prinzip, wie es auch in natürlich zweisprachigen Familien praktiziert wird: Eine Person spricht immer dieselbe Sprache mit den Kindern, hier werden sinnvollerweise Muttersprachler eingesetzt. Wichtig ist auch, dass mindestens eine andere Person mit den Kindern Deutsch spricht, damit die Muttersprache nicht verloren geht.

Auf die Frage, ob eine künstliche Zweisprachigkeit Kinder überfordern kann, gibt es eine klare Antwort: Nein! Beim immersiven Sprachenlernen sind keine besonderen geistigen Fähigkeiten nötig, es wird nicht bewusst gelernt und es herrscht kein Zwang. Alles geschieht bei alltäglichen Abläufen und die Untermalung mit Mimik und Gestik erleichtert Kindern, die noch keine Sprachkenntnisse der Fremdsprache haben, die Eingewöhnung. Zudem haben Kinder sich schon immer für andere Sprachen interessiert oder sich selbst Geheimsprachen ausgedacht. Allerdings sollten sich Eltern bewusst sein, dass die in einer bilingualen Kita erworbene Sprache auch in der Schulzeit weiter gepflegt werden sollte. Leider setzt sich der Trend nicht fort und es gibt weit weniger zweisprachige Schulen als Kindertageseinrichtungen.

Fazit

Für natürlich zweisprachige Kinder sind bilinguale Kindergärten eine sinnvolle Möglichkeit, um ihre jeweils schwächere Sprache zu stärken und ihre Zweisprachigkeit zu unterstützen. Sie bieten auch (einsprachig) deutschen Kindern eine Möglichkeit, mit relativ einfachen Mitteln eine zweite Sprache auf muttersprachlichem Niveau zu erlernen. Die Gründe für eine Entscheidung der Eltern, ihr Kind in eine solche Einrichtung zu schicken, mögen vielfältig und nicht für jeden nachvollziehbar sein. Internationale Kitas vermitteln jedoch Neugier auf Fremdes statt Angst vor Anderem, was in unserer globalisierten Welt von unschätzbarem Wert ist.

Quellen:

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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