Noch nie zuvor gab es so viele unterschiedliche Möglichkeiten im Bereich des Einkaufs wie heute. Vor allem durch die vielen technischen Neuerungen der letzten Jahre haben sich neue Kanäle aufgetan, die mittlerweile nicht mehr klar voneinander zu trennen sind. Egal, ob die Menschen online einkaufen wollen oder im stationären Handel, oder ob sie alle Kanäle nutzen, die ihnen zur Verfügung stehen – jeder kann ein individuelles Einkaufsverhalten entwickeln und ausleben. Im E-Commerce gibt es immer wieder Neuerungen, von denen wir regelmäßig berichten, doch auch im stationären Handel tut sich einiges. Dieses Mal widmen wir uns den Innovationen und Ideen für den Einkauf im Ladengeschäft und zeigen, wie der Einkauf in der Zukunft aussehen könnte.

Alles im Geschwindigkeitsrausch (oder -wahn?)

Im E-Commerce hat sich in den letzten Jahren vor allem die Geschwindigkeit verändert, mit der der Einkaufsvorgang abläuft. Internetverbindungen werden immer schneller, besonders das mobile Internet – dadurch können die Menschen immer und überall einkaufen oder wenigstens recherchieren. Onlineshops sind mittlerweile im Idealfall so optimiert, dass Kunden möglichst schnell zu dem gesuchten Produkt kommen. Doch auch der Bestellvorgang wird für die Kunden immer einfacher und schneller und damit komfortabler. Hat man Zahlungsinformationen und Versandadressen einmal im Kundenkonto hinterlegt, kann man One-Click-Optionen nutzen, bei denen das Produkt ohne weitere Eingaben mit nur einem Klick bestellt wird. Dies muss nicht über ein mobiles Endgeräte oder einen PC erfolgen, diese Aufgabe können auch physische Schalter übernehmen, die irgendwo in der Wohnung platziert werden und elektronisch einem Produkt zugeordnet werden (die sogenannten Dash-Buttons). Weiter kann der Prozess kaum noch verkürzt werden, also wird jetzt der Teil in Angriff genommen, der im Versandhandel die meiste Zeit beansprucht: der Versand. Eine Lieferung am nächsten Tag reicht heute schon nicht mehr aus und es wird besonders in Ballungszentren eine Lieferung am selben Tag (Same-Day-Delivery) angeboten. Doch selbst das wird durch besondere Expresslieferungen noch unterboten.

So komfortabel und schnell eine Bestellung aus dem Internet heute zu uns nach Hause findet, gibt es immer noch keine schnellere Methode, das Produkt seiner Wünsche in Händen zu halten, als es im stationären Handel zu erwerben. Darüber hinaus hat sich der Onlinehandel für einige Produktgruppen, besonders für frische Lebensmittel, noch nicht durchgesetzt, sodass die meisten Verbraucher dafür nach wie vor einen Markt, Supermarkt oder ein anderes stationäres Ladengeschäft aufsuchen. Einige genießen es, dass es hier verhältnismäßig langsam und ruhig abläuft, andere sehen hier noch großes Potenzial, das Einkaufen zu beschleunigen.

Diese Entwicklung ist nicht neu, man bedenke nur den Umstieg von Bedienungs- zu Selbstbedienungsgeschäften, von Registrierkassen auf elektronische und schließlich zu Scannerkassen und die verkürzte Kassenzone in Discountern, damit die Kunden ihre Waren schnell wieder in den Wagen räumen und Platz für den nächsten Kunden machen. So viel Zeit die Verbraucher im Geschäft verbringen, um die gewünschten Waren zu finden und dann aus dem teils riesigen Angebot der gleichen Produktgruppe eine Auswahl zu treffen, um so mehr stören sie sich an den Warteschlangen an der Kasse und der Dauer des ganzen Kassiervorgangs, sodass hier das größte Potenzial für eine Beschleunigung des Einkaufens liegt.

Der Kunde wird Kassierkraft

Es gibt verschiedene Ansätze, den Kassiervorgang zu beschleunigen, aber bei den meisten übernimmt der Kunde die Rolle der Kassierkraft ganz oder zum größten Teil. In allen Fällen wird der Scanvorgang von der Kasse ausgelagert zum Kunden. Schon heute bieten einige größere Märkte Kassen zum Selbstscannen an, aber noch schneller geht es, wenn der Kunde auf seinem Weg durch den Laden die Artikel einscannt und so zu einem virtuellen Warenkorb hinzufügt. Entweder scannt er selbst mit einem geeigneten Gerät in der Hand (mit einem Smartphone mit entsprechender App oder mit einem Handscanner aus dem Geschäft) oder am Einkaufswagen. An der Kasse wird dann nur noch bezahlt, der virtuelle Warenkorb wird dabei entweder direkt von dem Scanner oder Smartphone an die Kasse übermittelt oder über einen Barcode eingelesen. Bei all diesen Lösungen bleibt allerdings das Konzept der Kasse als Checkout mit Warteschlange, in der man Zeit verliert. Um diesen Checkout beim Einkauf weiter zu beschleunigen, bleibt eigentlich nur noch, die Kassen und auch die Terminals zum Selbstscannen ganz abzuschaffen. Im Supermarkt der Zukunft melden wir uns im Eingangsbereich an, scannen unsere Einkäufe auf die eine oder andere Weise ein und bezahlen unseren virtuellen Warenkorb elektronisch mit den Zahlungsdaten, die in unserem Kundenkonto hinterlegt sind. Nun können wir noch einen Schritt weiter gehen und auch den Scanvorgang automatisieren. Auch dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten zur Realisierung. Die sicherste Methode ist es, die Produkte mit RFID-Chips zu versehen und den Einkaufswagen mit einem Lesegerät auszustatten. Verwendet man gleichzeitig eine App am Smartphone, könnten so aktuelle Preisinformationen oder sonstige Informationen zum Produkt, beispielsweise auch Empfehlungen zu passenden Produkten, abgerufen werden. Bei dieser Methode muss entweder der Kunde über die App angeben, dass sein Einkauf beendet ist, dann wird der Warenkorb bezahlt. Oder am Checkout befindet sich ein Sensor, der z.B. über Beacons registriert, dass ein Kunde den Laden verlässt. Auch in diesem Fall wird der Einkauf beendet und automatisch bezahlt.

Amazon Go

Amazon versucht sich mit seinem Amazon Go Store an einem kassenlosen Konzept des Supermarktes. Bisher gibt es einen Laden in Seattle, der sich noch in der Betaphase befindet und nur von Amazon-Mitarbeitern getestet werden kann. Dort werden neben Grundnahrungsmitteln wie Milch und Brot hauptsächlich Fertiggerichte sowie Snacks angeboten, die teilweise frisch im Markt zubereitet werden.

Laut Werbevideo des Onlineriesen sieht ein Einkauf in diesem Laden folgendermaßen aus: Man betritt den Laden und meldet sich am Eingang über eine App auf dem Smartphone an. Dann geht man durch den Laden und nimmt einfach die Waren aus den Regalen, die man möchte. Verschiedene Techniken, die Amazon als „Computer Vision“, „Deep Learning Algorithms“ und „Sensor Fusion“ beschreibt, registrieren jeden Griff ins Regal und ordnen die Waren dem entsprechenden Kundenkonto zu. Auch Waren, die zurückgestellt werden, werden erfasst und entsprechend aus dem virtuellen Einkaufskorb gestrichen. Wenn man alles hat, was man braucht, verlässt man den Laden einfach wieder. Beim Passieren des Ausgangs wird der Einkauf automatisch beendet und das Amazon-Konto wird mit dem Wert des Einkaufskorbes belastet.

So einfach, bequem und verlockend das Ganze klingt, in Europa wird ein solches Konzept nur schwer umzusetzen sein. Der Grund: Die verwendete Technik kollidiert massiv mit dem europäischen Datenschutzrecht. Die Nutzerdaten und Einkaufsstatistiken aus dem Internet werden mit den Daten verknüpft, die die Sensoren im Laden sammeln, wodurch die Kunden nicht nur identifiziert, sondern auf ihrem Weg durch den Laden auch genauestens überwacht werden. Für die Kunden ist nicht ersichtlich, auf welche Weise welche Daten gesammelt, wie sie verarbeitet werden und für wen sie einsehbar sind. Es könnten genaue Profile erstellt werden, die z.B. zu personalisierten Preisen führen könnten. Der Kunde stünde damit komplett unter der Kontrolle des Händlers.

Sollten Amazon Go-Filialen (oder ähnliche Konzepte) doch irgendwann ihren Weg zu uns finden, muss jeder für sich zwischen Bequemlichkeit oder Datenschutz wählen.

Andere Beispiele aus Europa

So futuristisch das Ganze noch anmutet, wirklich neu sind Idee und Umsetzung nicht. Bereits 2003 eröffnete die Metrogruppe in Nordrhein-Westfalen einen Extra-Markt als „Future Store“. Hier gab es direkt am Einkaufswagen einen kleinen Terminal mit Display, der die Kunden per GPS durch den Laden führte und es ermöglichte, Waren direkt einzuscannen. An der Kasse wurde die Einkaufsliste nur noch abgerufen und bezahlt. Dadurch sollten Wartezeiten an der Kasse verkürzt werden. Das Konzept war noch ausbaufähig: 2008 wurde ebenfalls in Nordrhein-Westfalen ein Real-Markt zu einem „Future Store“ umgebaut. Da Smartphones zu diesem Zeitpunkt bereits verbreitet waren, wurden sie benutzt, um die Kunden mit einem MEA (mobiler Einkaufsassistent) durch das Geschäft zu führen und die Waren über die Kamera zu scannen und Einkaufslisten zu erstellen. Wenn der Kunde den Einkauf über die App beendete, wurde ein Strichcode generiert, der dann an der Kasse eingelesen wurde. Zahlungen konnten nach einmaliger Registrierung für diesen Service sogar über den Fingerabdruck getätigt werden. Aber auch dieses Konzept wurde leider nicht fortgeführt.

In den Niederlanden gibt es hingegen eine ganze Supermarktkette, in deren Filialen die Kunden den Einkauf ohne Kassen erledigen können. Man braucht nur eine Bonuskarte, die man ohne Anmeldung oder Registrierung erhält. Dann geht es los: Entweder man nutzt sein eigenes Smartphone mit einer entsprechenden App oder nimmt sich im Eingangsbereich einen Handscanner mit. Auf dem Weg durch den Laden werden alle Artikel gescannt, dabei behält man einen Überblick über die zuletzt gescannten Artikel und den Gesamtwert des Einkaufs. Auch ein Entfernen einzelner Posten ist möglich, falls man sich anders entscheidet oder beispielsweise nur den Preis eines Produktes erfahren möchte. Am Ausgang werden die Handscanner zurückgegeben und die Bonuskarte wird an einem Terminal eingelesen, der Einkauf kann dann bargeldlos bezahlt werden. Danach wird ein Strichcode ausgedruckt, der die Tür öffnet.

Die intelligente Einkaufstasche

Einen etwas anderen Ansatz verfolgt das US-Startup Twyst mit der Entwicklung der „Smart Bag“. Dabei handelt es sich um eine Einkaufstasche, die mit der Cloud verbunden ist und einen RFID-Leser enthält. So werden Produkte registriert, die mit einem RFID-Chip ausgestattet sind und in die Tasche hineingelegt werden, aber auch ein Entnehmen wird registriert. Verbindet man sich über eine App mit der Tasche, können genauere Produktinformationen abgerufen werden. Aber auch andere Anwendungen sind denkbar. Hat ein Kunde beispielsweise im Onlineshop einer Modekette einen Pulli entdeckt und möchte ihn anprobieren, könnte man in der Filiale nach einer Anmeldung eine Tasche bekommen, in die das gewünschte Produkt bereits hineingelegt wurde.

Vor- und Nachteile

Bei all den beschriebenen Umsetzungen ist die Zeitersparnis für den Kunden auf den ersten Blick ein klarer Vorteil. Doch bisher sind die Selbstscansysteme noch eher betreuungsintensiv und fehleranfällig, außerdem müssen sich die Händler auf die Ehrlichkeit der Kunden verlassen, Kontrollen können nur stichprobenhaft durchgeführt werden. Ein weiterer Vorteil, der tatsächlich schon bemerkbar ist, ist dass die Bestände auf diese Weise direkt vom Computersystem überprüft und bei Bedarf aufgefüllt werden können.

Doch bei all der Bequemlichkeit bleibt der Datenschutz eindeutig auf der Strecke. Außerdem können die Kassierkräfte auf lange Sicht eingespart werden und ihren Arbeitsplatz verlieren.

Fazit

In unserer heutigen Welt wird alles immer schneller und die Beschleunigung greift auf alle Bereiche unseres Lebens über. Wir erhoffen uns dadurch, mehr Zeit für wichtige Dinge zu haben – aber haben wir das wirklich? Ein Leben im ständigen Geschwindigkeitsrausch führt auch zu Stress auf der einen Seite und Ungeduld auf der anderen Seite, wenn mal etwas nicht in der gewohnten Geschwindigkeit abläuft. In der Zukunft könnte also mehr als nur die Privatsphäre auf der Strecke bleiben.

Quellen:

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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